{"id":4067,"date":"2022-10-30T23:40:00","date_gmt":"2022-10-30T22:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=4067"},"modified":"2022-11-22T20:48:41","modified_gmt":"2022-11-22T19:48:41","slug":"brienzergrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=4067","title":{"rendered":"2022-10-30 Brienzergrat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Longer, Harder Brienzergrat! Die n\u00f6rdlich des Brienzersee gelegene Bergkette ist unter verschiedenen Namen bekannt: Hardergrat, Brienzergrat, Rothornkette. Deren \u00dcberschreitung gibt es in verschiedenen Varianten: Light zwischen Brienzerrothorn und Harderkulm mit B\u00e4hnchen an beiden Orten, Medium mit Verl\u00e4ngerung zum Br\u00fcnig und dann noch die Variante Harder von Interlaken bis zum Br\u00fcnig.<\/p>\n\n\n\n<p>Total rund 40km mit 3&#8217;500 H\u00f6henmetern hoch und 3&#8217;000 runter. Belaufbarkeit bis nach der Roteflue B2, dann bis vor dem Suggiture B1 und ab da duchgehend B2-B3. Anspruchsvoll empfand ich in dieser Richtung die Abstiege vom Wytlouwihoren und vom Schnierenhireli; das viel diskutierte Tannhorn ist sowohl im Auf- als auch im Abstieg sehr steil, sticht jedoch nicht heraus. Nach dem Balmi wird der Pfad wieder einfacher belaufbar (B2), und ab dem Rothorn l\u00e4uft man auf Wanderwegen (B1+).<\/p>\n\n\n\n<p>Unerwartet steht mir ein freier Sonntag bei pr\u00e4chtigen Verh\u00e4ltnissen bevor. Was tun? Sicher etwas Rechtes, das in vern\u00fcnftiger Reichweite liegt. Nach einigem Hin und Her zwischen verschiedenen Zielen entscheide ich mich f\u00fcr den Brienzergrat. Dort wollte ich schon lange einmal hin, und da gleichentags in der Stadt Luzern der grosse Marathon veranstaltet wird, passt die Harder-Variante prima. Mit dem letzten Zug erreiche ich Interlaken kurz nach zwei Uhr nachts. Bei einem derart fr\u00fchen Start sollte ich nach vollbrachter Tat zeitig wieder zuhause sein. Dank Zeitumstellung just an jenem Tag w\u00fcrde ich dann auch eine Stunde l\u00e4nger schlafen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der n\u00e4chtliche Start geht nat\u00fcrlich auf Kosten der Nachtruhe. Daheim reicht es f\u00fcr eine Stunde, und in den Z\u00fcgen kommen noch zweimal eine halbe dazu. K\u00fchle Morgenluft bringt mich in Schwung, als ich durchs n\u00e4chtliche Interlaken marschiere. Schwierig zu sagen, ob die Nachtschw\u00e4rmer vor den Bars mich f\u00fcr verr\u00fcckter hielten als umgekehrt. Bald jedoch verlieren sich derartige Fragen im Dunkel der mondlosen Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufstieg durch den Harderwald ist ganz nach meinem Geschmack. Steil, trocken, mit Buchenlaub bedeckt und ab und zu durch felsige Passagen unterbrochen. Sobald ich auch nur hundert Meter H\u00f6he \u00fcber dem Talboden gemacht habe, stellt sich eine fast unheimliche W\u00e4rme ein. Man k\u00f6nnte fast kurz\u00e4rmlig laufen! Im Fernsehen werden sie sagen, dass es noch nie so sp\u00e4t im Jahr so warm war wie an jenem Tag, und das gilt f\u00fcr die Nacht sicher ebenso.<\/p>\n\n\n\n<p>Bald habe ich den Harderkulm erreicht und freue mich schon \u00fcber mein flottes Vorankommen. Prompt entpuppt sich die Fortsetzung als sehr m\u00fchselig! Wurzelgewirr, scharfkantige Steine und Finsternis sind f\u00fcr sich genommen schon eine ung\u00fcnstige Kombination, dazu kommt noch ein g\u00e4nzlich unerwartete M\u00fcdigkeit in den Beinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter schmerzen Knie und H\u00fcftmuskeln bei jedem einzelnen Schritt. Hoppla, wirklich so wenig erholt?! Die t\u00e4glichen Kurztests (die morgendlichen Velosprints auf den Bahnhof) hatten sich vielversprechend gut angef\u00fchlt. Offenbar war die Pause nach den Abenteuern im <a href=\"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?page_id=4664\" data-type=\"page\" data-id=\"4664\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gran Sasso-Gebiet<\/a> doch nicht ausreichend. Denn nach 9km und 1&#8217;000 H\u00f6henmetern sieht es nun danach aus, dass ich auch den Zug nehmen sollte. Eigentlich war mein Plan gewesen, mich irgendwo hinzulegen und ein St\u00fcndchen nachzuschlafen. Daraus wird dann doch nichts, weil ich wohl zu hohe Anspr\u00fcche an einen Schlafplatz stelle, und weil ich mich eigentlich trotz allem recht gut im Schuss f\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Also weiter durch die Dunkelheit dem sich schwach gegens Firmament abzeichnenden Suggiture entgegen, hinter dem sich das Augstmatthorn breit hocht\u00fcrmt. Die Aufstiege sind rassig, aber nicht ausgesetzt, und oben empf\u00e4ngt mich endlich das erste Morgenlicht. Dar\u00fcber ich froh, denn der Abstieg vom Wytlouwihoren f\u00e4hrt mir recht ein. Nur z\u00f6gerlich steige ich hinunter, und meine Knie wollen mir nun definitiv weismachen, dass sie auch nicht 20-j\u00e4hrig seien. Ich widerspreche und mach klar, dass sie sehr wohl schon 20 Jahre alt sind, sogar schon mehrfach, und dass sie aufh\u00f6ren sollen zu jammern wie kleine Kinder. Das beendet vorl\u00e4ufig die verbale Auseinandersetzung, und es wird nur noch symbolisch kommuniziert. Mit jedem Schritt dr\u00fccken sie scheinbar f\u00fcrchterliche Schmerzen aus. Ich lanciere einen Gegenangriff und gebe das Programm f\u00fcr die n\u00e4chsten Stunden bekannt: Weh tun. Immerhin gibt das eine konkrete Vorstellung von der Zukunft, und so kommt es dann vorerst einmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem weiteren Weg \u00fcbers Gummhoren mit einem weiteren r\u00e4ssen Abstieg, Schnierenhireli und Allg\u00e4uhorn erreiche ich nach sagenhaften acht Stunden das Tannhorn. Der Aufstieg ist sehr steil, und just dort kommt mir ein echter Trail Runner im Laufschritt entgegen und scheint \u00fcber diese steile Flanke hinunterzufliegen. Beeindruckt und mit leicht besch\u00e4digtem Selbstbild murkse ich mich hoch und lasse es so leichtf\u00fcssig wie m\u00f6glich aussehen. Der Abstieg auf der Ostseite ist etwas weniger steil, aber immer noch gut ausgesetzt. Mein Tempo ver\u00e4ndert sich deshalb nur unwesentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden ist enorm viel Steinwild zu sehen. Fast herdenweise ziehen die B\u00f6cke durch die steilen Grash\u00e4nge \u00fcber dem Thunersee und bieten pr\u00e4chtige Anblicke. Zu beiden Seiten des Pfads fallen steile Flanken hinunter, und manchmal ist links oder rechts neben den Schuhen wirklich fast nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tannhorn wird der Pfad teilweise sehr schmal, und mein Tempo wird dadurch alles andere als schneller, besonders auch, weil meine Knie immer noch den eingebildeten Kranken spielen. Nach einer ausgiebigeren St\u00e4rkungspause und dem Wechsel zu kurzen Hosen verbessert sich die Situation urpl\u00f6tzlich. Endlich l\u00e4uft die Maschine wieder rund und von Schmerzen keine Rede mehr. \u2013 OK, vielleicht lag es auch an der halben Schmerztablette. Wenn es aber so ist, dann nehme ich n\u00e4chstes Mal fr\u00fcher schon gleich eine ganze und erspare mir das ganze Theater!<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Weg selber habe ich nicht viel zu erz\u00e4hlen. Er verl\u00e4uft stellenweise so spektakul\u00e4r auf Messers Schneide, wie man es sich vorstellt. In meinem Zustand konnte ich das jedoch zu wenig geniessen. Zudem verschleiern Wolken zunehmend den Himmel, und der F\u00f6hn pfeift mir um die Ohren. \u2013 Ich und der F\u00f6hn sind alte Bekannte, und \u00fcber die Jahre habe ich so einiges \u00fcber sein Wesen gelernt. Zum Beispiel ist er kein warmer Wind, zumal in der H\u00f6he. Er ist ein Wind, dessen trockene Luftmassen sich im Fallen mit 1\u00b0 pro 100Hm um 50% st\u00e4rker erw\u00e4rmen als gew\u00f6hnliche feuchte Luft. Ist er auf 2&#8217;000m bspw. 5\u00b0 &#8220;warm&#8221;, so bl\u00e4st er in der Urner Reussebene auf 500m\u00fcM mit 20\u00b0.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt kann man auch schliessen, dass sich die trockene F\u00f6hnluft mit zunehmender H\u00f6he schneller abk\u00fchlt, als man sich das gewohnt ist. Sommerw\u00e4rme in den Niederungen bedeutet bei F\u00f6hn eben gerade nicht, dass auf 2&#8217;000m\u00fcM ebenfalls sommerliche Temperaturverh\u00e4ltnisse herrschen, ganz im Gegenteil! Und da es sich beim F\u00f6hn um einen Wind (!) handelt pfeift einem 5\u00b0 kalte Luft um die Ohren und alles, was daran befestigt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungem\u00fctlich! Auf dem Rothorn hat es drei grosse Geb\u00e4ude, und beim obersten weht sogar eine Fahne im Wind. Aber auch dort ist alles zu, nicht einmal auf einen Automaten kann man hoffen. Nach zehn Stunden giere ich nach Abwechslung im Men\u00fcplan, und zudem muss ich die begehrten Fressalien rationieren. Ein Anruf im B\u00e4rghuis Sch\u00f6nb\u00fcel best\u00e4tigt mir, dass dort tats\u00e4chlich gewirtet wird und belebt meine Lebensgeister wieder. Auf zum gesegneten B\u00e4rghuis!<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter und nach der innerlich hart ausdiskutierten Besteigung des H\u00f6ch Gumme labe ich mich an Kaffee, Nussgipfel und alkoholfreiem Bier. Die \u00dcberschreitung des Wilerhorns, von den Obwaldnern Gumme genannt, stellt dann ein liebliches, zweist\u00fcndiges Auslaufen dar. Fast beschwingt h\u00fcpfe ich zum Br\u00fcnigpass hinunter. Buchst\u00e4blich f\u00fcnf Meter vor der Passstrasse passiert mir das erste und einzige Missgeschick des Tages. Ich trampe in einen laubgef\u00fcllten Abwasserschacht und liege unversehens flach auf der Schnauze. Das muss so \u00fcbel ausgesehen haben, dass ein vorbeifahrendes Auto sogleich anh\u00e4lt, um nach mir zu schauen. Gl\u00fccklicherweise ist rein gar nichts passiert, und ich rette mich heil ins nahe Restaurant zu noch mehr Fl\u00fcssigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Bald schon schaukeln mich Zentralbahn und SBB sicher nach Hause. Was f\u00fcr ein Tag! Es braucht mehrere N\u00e4chte mit zw\u00f6lf Stunden Schlaf, um mich wieder erholt zu f\u00fchlen. Mit dem angek\u00fcndigte Wetterumschwung wird es wohl eine der letzten Gelegenheiten des Jahres f\u00fcr diese Tour gewesen sein. Denn trockene Verh\u00e4ltnisse sind unabdingbar, wenn man mit Trailschuhen unterwegs sein will.<\/p>\n\n\n<p>[opengeo id=78]<\/p>\n\n\n\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Longer, Harder Brienzergrat! Die n\u00f6rdlich des Brienzersee gelegene Bergkette ist unter verschiedenen Namen bekannt: Hardergrat, Brienzergrat, Rothornkette. Deren \u00dcberschreitung gibt es in verschiedenen Varianten: Light zwischen Brienzerrothorn und Harderkulm mit B\u00e4hnchen an beiden Orten, Medium mit Verl\u00e4ngerung zum Br\u00fcnig und dann noch die Variante Harder von Interlaken bis zum Br\u00fcnig. Total rund 40km mit 3&#8217;500 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4137,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"wp-custom-template-einzelbeitrag-volle-breite","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":2323,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[32,15],"class_list":["post-4067","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-wildtrails","tag-bern","tag-uw"],"gutentor_comment":2,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4067"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4683,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions\/4683"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4137"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}