{"id":5264,"date":"2022-10-21T23:40:00","date_gmt":"2022-10-21T21:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=5264"},"modified":"2026-05-05T18:36:34","modified_gmt":"2026-05-05T16:36:34","slug":"2022-10-21-gran-sasso-nachbetrachtungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=5264","title":{"rendered":"2022-10-21 Gran Sasso, Nachbetrachtungen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Nachdenkliche Betrachtungen k\u00f6nnte man sie auch nennen. Vermutlich habe ich etliches davon schon andernorts erw\u00e4hnt; in der Summe handelt es sich jedoch um eine runde F\u00fclle an Erlebnissen und Begebenheiten. Italien ist immer ein Erlebnis, und der Gegensatz zwischen der Ewigen Stadt und den l\u00e4ndlichen Abbruzzen offenbart viel Erhellendes. Daneben ist Reisen immer ein Abenteuer, und mit dem Zug in Italien voller \u00dcberraschungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Planung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die G\u00f6tter zum lachen bringen will, der mache Pl\u00e4ne. Wer den Teufel zum grinsen bringen will, der gehe aufs Geratewohl ans Werk. &#8212; Irgendwie schien bei der Vorbereitung der Wurm drin zu sein, und ich kam \u00fcber l\u00e4ngere Zeit einfach nicht zu einem Ende. Die \u00fcbers Internet ver\u00f6ffentlichten Informationen waren d\u00fcrftig und teils widersrpr\u00fcchlich. Ob die H\u00fctten noch ge\u00f6ffnet hatten oder Winterr\u00e4ume zug\u00e4nglich waren, konnte ich genauso wenig in Erfahrung  bringen, wie, ob es auf Campo Imperatore \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten gebe, oder wie lange die Luftseilbahn ab L&#8217;Aquila noch fahren w\u00fcrde. So kam ich schliesslich unverhofft auf die etwas k\u00fchne Idee, ein Wohnmobil oder etwas \u00c4hnliches zu mieten. Angesichts der Preis schwand die \u00c4hnlichkeit zusehends und &#8220;kulminierte&#8221; in einem &#8220;furgone&#8221;, einem weissen Fiat Ducato  Lieferwagen mit fensterlosem Aufbau.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anreise<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Planung und Anreise waren f\u00fcr sich allein schon eine Unternehmung. Am Donnerstagmorgen reisten wir aus den Familienferien auf Elba zur\u00fcck und fuhren mit der Eisenbahn zun\u00e4chst nach Rom, welches s\u00fcdlich von Elba liegt. Der Plan war, dass ich in Rom \u00fcbernachten w\u00fcrde und meine Frau und unsere Tochter mit dem Nachtzug in die Schweiz zur\u00fcckfahren w\u00fcrden. Bei der Anreise war das analoge Vorhaben in Mailand krachend gescheitert, weil der Zug noch nicht einmal in Turin abgefahren war, als er kurz vor Mitternacht schon l\u00e4ngst in Mailand h\u00e4tte sein sollen. Gl\u00fccklicherweise konnte ich innert k\u00fcrzester Zeit noch ein Zimmer \u00fcber AirBnB buchen, damit wir die Nacht nicht im Bahnhof verbringen mussten. Denn der freundliche Beamte von der Eisenbahn betonte, dass die Verbindung noch nicht aufgegeben worden sie, und dass wir deshalb keinen Anspruch auf eine bezahlte Unterbringung h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend gespannt waren einige Nerven auf der R\u00fcckreise. Trotzdem verbrachten wir einige sch\u00f6ne Stunden in der ewigen Stadt, tranken den <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/caffesanteustachio.com\/?lang=en\" target=\"_blank\">bei Sant&#8217;Eustachio den besten Caff\u00e9 der Welt<\/a>, genossen das <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/it.venchi.com\" target=\"_blank\">bei Venchi das beste Gelato al Pistacchio<\/a> und assen auf der sch\u00f6nsten Piazza Navona Znacht. Und diesmal waren die Ferrovie dello Stato d&#8217;Italia mit nur geringf\u00fcgiger Versp\u00e4tung zur Stelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meinem AirBnB-Zimmer kam ich danach zu einigen Stunden Schlaf, bevor ich mich von einem Regionalzug nach Avezzano schaukeln liess. Urspr\u00fcnglich hatte ich direkt nach L&#8217;Aquila fahren wollen. Das h\u00e4tte jedoch viel l\u00e4nger gedauert, und zudem hatte ich keine M\u00f6glichkeit gefunden, dort einen Lieferwagen zu mieten. Einen solchen konnte ich in Avezzano f\u00fcr eine erkleckliche Summe mieten, und fortan galt: &#8220;My van is my castle!&#8221; (Kalt wie in einem Burgverliess im Winter waren die N\u00e4chte dann auch.) Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich mit einer scheinbar versandeten Anfrage in L&#8217;Aquila noch ein zweites Vehikel reserviert hatte, aber das liess sich im Land der herzlichen Zuvorkommenheit am Telefon bereinigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meinem rollenden Schloss fuhr ich auf der Autobahn an L&#8217;Aquila vorbei und verliess sie kurz vor dem 10 km langen Tunnel, um anschliessend auf einer breiten Heeresstrassse durch W\u00e4lder und weite H\u00fcgel nach Piccolo Tibet hochzukurven. Selbst nach hundert Photos und mehr hatte ich mich noch nicht an der Szenerie satt gesehen. Bergk\u00e4mme zeigten sich mit freilaufende Pferde und grasenden Bison- oder Kuhherden, und zum Schluss f\u00fchrte eine schnurgerade Strasse durch die weite Pr\u00e4rie, die sich am Rand in einigen engen Kehren steil nach oben f\u00e4delt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Campo Imperatore<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welch absonderlicher Ort! Auf einer weiten Gel\u00e4ndeschulter schwenkt man auf einen grossen Parkplatz ein, der im S\u00fcden von einem backsteinrot bemalten, kubistisch runden Hotelbau dominiert wird. Funktional und elegant, aber auch isoliert und brutal steht es inmitten einer einmaligen Landschaft. Der erste Gedanke gilt dem Urheber und damit der Frage, ob dieser Bau von Mussolini in Auftrag gegeben worden sei. Das Hotel wurde 1934 zusammen mit der ersten Seilbahn durch die faschistische F\u00fchrung erbaut. Mit dem &#8220;duce&#8221; steht das Hotel in engem Zusammenhang, weil jener nach seinem Sturz dort gefangen gehalten worden war, bevor er im September jenes Jahres durch eine deutsche\u00a0Kommandoaktion\u00a0befreit wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem Hotel steht die Bergstation eines modernen Sessellifts, und auf der anderen Seite endet die neue Seilbahn in einem futuristisch modernen Geb\u00e4ude. Daneben stehen die alte Seilbahnstation sowie ein Gasthaus in traditioneller alpiner Steinbauarchitektur. Darin befindet sich zu meiner freudigen \u00dcberraschung eine ge\u00f6ffnete Bar im laut Eigenwerbung h\u00f6chstgelegenen ganzj\u00e4hrig ge\u00f6ffneten &#8220;ostello&#8221; Europas. H\u00e4tte ich das gewusst, h\u00e4tte ich mir einige kalte N\u00e4chte ersparen k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwas oberhalb der ganzen Anlage befindet sich das Observatorium, das offensichtlich von der abgeschiedenen Lage in Kombination mit guter Erreichbarkeit profitiert. Hoch \u00fcber dem ganzen thront das 1908 errichtete Rifugio Duca degli Abruzzi auf der Krete des Monte Portella. Was f\u00fcr ein Ensemble!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Leute<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wahrlich herausragende Eigenschaft des Gran Sasso l\u00e4sst sich festhalten, dass er langsamer zerbr\u00f6ckelt als der Rest der Abruzzen. \u00dcberall liegt haufenweise Schotter herum! Sobald andere Menschen in der N\u00e4he sind, besteht dringende Helmpflicht &#8212; auch auf vermeintlichen Wanderbergen wie bspw. dem Pizzo d&#8217;Intermesoli. An Wochenenden und in der Hochsaison w\u00fcrde ich das Gebiet eher meiden. Gl\u00fccklicherweise hat es Mitte Oktober nur noch wenig andere Leute unterwegs. Mir f\u00e4llt auf, dass sich die Nationalit\u00e4ten auch am Geruch unterscheiden. Was bei den Schweizern die Sonnencr\u00e8me, ist bei den Italienern Deo bzw. Parfum &#8212; je nach Geschlecht. Ich war jedoch fast der einzige Tourist unter lauter Einheimischen. (Das heisst \u00fcbrigens nicht, dass ich nach Schweiss roch!) Es war ein erfrischender Unterschied zu der Woche zuvor auf Elba.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den eher l\u00e4ndlichen Abruzzen zeigen sich auch weitere erfrischende Seiten von Italien, die an vergangene Zeiten erinnern. F\u00e4hrt der Regionalzug durch Avvezano, sperren Barrieren den Verkehr ab, und man hat das Gef\u00fchl, das B\u00e4hnlein m\u00fcsste gleich noch zu bimmeln beginnen. Daneben hievt ein Metzger eine Rinderh\u00e4lfte aus einem &#8220;furgone&#8221; auf seine Schulter und transportiert sie ins Gesch\u00e4ftslokal. Ebenfalls aufgefallen sind mir die bedienten Tankstellen. Das mag vielleicht mit einer gr\u00f6sseren Achtung gegen\u00fcber dem fahrenden Untersatz zu tun haben; ganz ausreichend finde ich das jedoch nicht als Erkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch gr\u00f6ssere Zuwendung wird in diesem Land nat\u00fcrlich dem Caff\u00e9 geschenkt. Nirgendwo sonst gibt es eine derart tief verankerte Hingabe zum Getr\u00e4nk der G\u00f6tter. Auf derselben Stufe steht h\u00f6chstens noch der Drang, stets &#8220;bella figura&#8221; zu machen. Kaum anderswo ist eine \u00e4hnliche Gleichg\u00fcltigkeit vorstellbar gegen\u00fcber Restauranttoiletten, Bahnhofsrolltreppen, Trottoirs und praktisch allen anderen Angelegenheiten des \u00f6ffentlichen Lebens, die mit Unterhaltsarbeit verkn\u00fcpft sind. Ist es mangelnde Finanzierung? Dann m\u00fcsste man ja von naiver Planung sprechen, unerh\u00f6rt! Ist es grunds\u00e4tzliches Desinteresse? Ich glaube, im Lauf der Zeit f\u00fchrt ersteres wohl zu letzterem. Deshalb ist das gew\u00f6hnliche Leben nur mit jener &#8220;grandezza&#8221; zu ertragen, mit welcher selbst in der abgelegensten Bar der &#8220;barrista&#8221; einen perfekten Caff\u00e9 hervorzaubert, selbstverst\u00e4ndlich verbunden mit dem Angebot eines &#8220;bicchiere d&#8217;acqua&#8221;, wobei man zwischen &#8220;liscio&#8221; und &#8220;frizzante&#8221; w\u00e4hlen kann. Mit einem unnachahmlichen &#8220;Ecco ti qua, signore!&#8221; pr\u00e4sentiert, kostet das Meisterwerk einen sagenhaften Euro.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein &#8220;barrista&#8221; ist ein K\u00fcnstler des Alltags, und jeder seiner Auftritte soll auch unterhalten. Unterhaltung im Alltag ist wohl auch ein \u00dcberbegriff zu &#8220;bella figura&#8221;. Der Unterhalt hingegen als stetige M\u00fchsal steht weniger im Vordergrund. Bevorzugt werden neue, aufregende Projekte in Angriff genommen. Was k\u00fcmmern die Unzul\u00e4nglichkeiten des bestehenden, wenn ein neuer Wurf im Entstehen ist. Selbstverst\u00e4ndlich wird er noch bessere Figur machen! &#8220;Da capo al fine!&#8221; denkt sich der typische Nordl\u00e4nder &#8212; d.h. n\u00f6rdlich des Alpenbogens lebende.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bauwerke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Station Roma Tiburtina ist ein solch derartiger Wurf. Funktional und futuristisch zugleich, soll sie wohl die Idee eines klassischen Bahnhofs mit seinen Unterf\u00fchrungen und jene eines Fughafenterminals mit grossz\u00fcgigen, himmelstrebenden Dimensionen vereinen. Erreicht wird das mit einem zweist\u00f6ckigen \u00dcberbau, dessen oberes Geschoss doppelte oder dreifache H\u00f6he aufweist. An der Decke sind nichtkubische Raumelemente befestigt, die als Pods vom Himmel h\u00e4ngen (&#8220;2001&#8221; l\u00e4sst gr\u00fcssen) und stehen f\u00fcr exklusive Angebote wie Business-Lounge oder aktuell auch eine Kunstausstellung (&#8220;The World of Banksy&#8221;) zur Verf\u00fcgung. Ihre Abgrenzungen ragen durch die Geb\u00e4udeh\u00fclle hinaus und geben einen einmaligen optischen Eindruck ab. &#8220;Bella figura&#8221; eben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Platzangebot wurde dadurch vergr\u00f6ssert, dass die Achse des Geb\u00e4udes nicht senkrecht zu den Gleisen verl\u00e4uft, sondern in einem Winkel von 60\u00b0 bzw. 120\u00b0 (oder mutmasslich dem goldenen Schnitt im Bogenmass). Damit lassen sich 10 bis 15 Prozent mehr wertvolle Gewerbefl\u00e4che generieren. Allerdings verl\u00e4ngern sich auch die Gehwege beim Umsteigen um denselben Faktor. Als italienerprobter Reisender ertr\u00e4gt man das ohne Murren und dazu noch im Wissen, an etwas Grossartigem teilhaben zu d\u00fcrfen. Die R\u00f6mer gehen ganz selbstverst\u00e4ndlich von diesem Grundsatz aus und zwar schon seit gut zwei Jahrtausenden. Man mault auch nicht, wenn man beim stundenlangen Warten auf einen Anschluss keinen einzigen Sitzplatz findet, der nicht zu einem Konsumationstempel geh\u00f6ren w\u00fcrde. Eigentlich passt das ja gar nicht schlecht, endet jedoch um 23 Uhr, wenn mit der amerikanischen Fast Food-Kette auch das letzte Lokal zusperrt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Reisen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zur Abfahrt des Nachtzugs nach Mailand darf man sich auf der einzigen frei zug\u00e4nglichen Treppe einrichten, wenn man nicht stehen will. Dabei bekommt man unglaublich viele Durchsagen zu h\u00f6ren. Zugsank\u00fcnfte werden grunds\u00e4tzlich zusammen mit dem immergleichen Hinweis angek\u00fcndigt, dass man von der Sicherheitslinie zur\u00fcckstehen solle. Zu Stosszeiten wird einem diese Verhaltensregel richtiggehend eingebleut, bis man nicht mehr hinh\u00f6ren mag. Damit w\u00fcrde man jedoch die Versp\u00e4tungsmeldungen verpassen. Auch diese werden st\u00e4ndig wiederholt, was an sich recht sinnvoll ist. Auch entbehrt es nicht einer inneren Logik, wenn derselbe Zug dreimal ausgerufen wir, wenn beim ersten Mal die Lokomotive noch nicht bereit ist, beim zweiten Mal ein langsamerer Zug voraus schleicht, und beim dritten Mal eine allgemeine St\u00f6rung des Bahnverkehrs vorliegt. Was sich alles zugetragen haben mag, dass diese Meldungen nahtlos aufeinander folgen, kann man sich jedoch kaum vorstellen. Hingeh\u00f6rt hat jedoch &#8212; abgesehen von mir &#8212; wohl niemand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberhaupt w\u00fcrde in Italien etwas Fundamentales fehlen ohne eine gewisse Ger\u00e4suschkulisse. So auch beim Warten auf die Einfahrt eines Regionalzug in einen Provinzbahnhof, dessen nahende Ankunft minutenlang durch permanentes Bimmeln einer Glocke angek\u00fcndigt wird. Hat der L\u00e4rm aufgeh\u00f6rt, f\u00e4hrt der Zug dann tats\u00e4chlich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch ein. Im Zug selber erfolgt gef\u00fchlt alle zehn Minuten eine lautstarke Durchsage, dass Beleidigungen gegen Schaffner von Amtes wegen verfolgt w\u00fcrden &#8212; auch wenn auf der gesamten Fahrt keiner erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine halbe Stunde vor der Abfahrtszeit mache ich mich auf den langen Marsch zum Perron. Auf den elektronischen Abfahrtsanzeige wird mir Gleis 17 angezeigt. Als ich die Rolltreppe hinuntersteige erhasche ich einen Blick auf die Anzeige auf den Perron von Gleis 16 gegen\u00fcber und sehe, dass dort mein Zug ausgeschrieben ist. Noch einmal Gl\u00fcck gehabt. Schnell wieder hoch und dr\u00fcben runter! Viele Leute warten schon dort; es ist windig und kalt. Da ich jetzt weiss, wo der Zug fahren wird, begebe ich mich wieder nach oben zum Pod mit der geschlossenen Business-Lounge, um wenigstens in der W\u00e4rme zu warten. Eine gute Viertelstunde sp\u00e4ter mache ich mich gem\u00fctlich wieder auf den Weg, stelle dann allerdings recht beunruhigt fest, dass keine Leute mehr auf dem Perron stehen. Auf dem Gleis gegen\u00fcber steht ein Nachtzug. Das wird doch nicht etwa&#8230;? Ich st\u00fcrze mich die Rolltreppe hoch, und erreiche die auf Gleis 17 hinunterf\u00fchrende gerade rechtzeitig, um die vermutlich einzige Lautsprecherdurchsage mit dem Gleiswechsel mitzukriegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn man die Bosse von Trenitalia zum schmunzeln bringen will, dann hege man irgendwelche Erwartungen an das Angebot wie bspw. eine effiziente L\u00fcftung in einer Schlafwagenkabine f\u00fcr sechs Personen. Als ich einsteige, fl\u00e4zen sich schon f\u00fcnf kr\u00e4ftig gebaute M\u00e4nner auf ihren Liegen, und der letzte freie Platz ist oben, wo der Luftzug des ge\u00f6ffneten Fensters hinbl\u00e4st. Von Rom bis Mailand atme ich die Luftschicht einmal quer durch, bis ich kurz nach 7 Uhr gut durchgel\u00fcftet in Mailand aussteige. Nach einem kurzen Stadtbummel  mit Besuch des Doms mache ich mich auf die Heimreise. Der Regionalzug nach Lugano ist gestossen voll, und ich bin auf alles gefasst, ausser auf eine st\u00f6rungsfreie Fahrt mit p\u00fcnktlicher Ankunft, als die es sich dann herausstellt. Im Eisenbahnland Schweiz geht es reibungslos weiter, und der Intercity-Zug bleibt heute auch nicht im Gotthardtunnel stecken. Meine Augen saugen sich an den klaren Seen und saftigen Wiesen fest, und die Berge sind festlich geschm\u00fcckt im sp\u00e4therbstlichen Kleid.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">(M)unterwegssein<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was machen solche Reisen mit mir? Ich bin gern unterwegs und erlebe kleine Abenteuer und \u00dcberraschungen. Die zuf\u00e4llige Entdeckung von Tivoli und der Stadtbummel durch Mailand liessen die simple R\u00fcckreise zu einer eigentlichen Grand Tour werden. Nach den guten Abenteuern der vergangenen Tage war ich richtig euphorisch gewesen, doch mein K\u00f6rper sandte deutliche Signale, dass es gerade gut reiche. Entz\u00fcndete Wunden, empfindliche Gelenke und nach f\u00fcnf Tagen das nachdr\u00fcckliche Verlangen, Wasser auch wieder einmal \u00e4usserlich anzuwenden. Die Segnungen der Zivilisation lassen sich viel bewusster annehmen und sch\u00e4tzen, und die kleinen Widrigkeiten des Alltag einfacher ignorieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdenkliche Betrachtungen k\u00f6nnte man sie auch nennen. Vermutlich habe ich etliches davon schon andernorts erw\u00e4hnt; in der Summe handelt es sich jedoch um eine runde F\u00fclle an Erlebnissen und Begebenheiten. 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