{"id":7829,"date":"2026-07-12T23:40:00","date_gmt":"2026-07-12T21:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=7829"},"modified":"2026-09-02T16:43:49","modified_gmt":"2026-09-02T14:43:49","slug":"2026-07-12-piz-cavardiras-suedgrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/?p=7829","title":{"rendered":"2026-07-12 Piz Cavardiras S\u00fcdgrat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Solo am S\u00fcdgrat &#8212; wie kommt es? Meine letzten grossen Solotouren liegen doch schon Jahrzehnte zur\u00fcck, und \u00fcberhaupt habe ich f\u00fcrs reine Felsklettern viel zu wenig Zeit. Zwar verbringen wir seit Jahren im Sommer Familienferien im Wald von Fontainebleau, und nach zwei Wochen bouldern habe ich jeweils das Gef\u00fchl, ich w\u00fcsste wieder, wie es gehe. Motiviert nehme ich mir daraufhin einige sch\u00f6ne Klettertouren f\u00fcr den Herbst vor, aber meistens ist der Winter dann doch schneller. Aufs neue Jahr hin fasse ich jeweils den guten Vorsatz, etwas mehr ins Krafttraining zu investieren, um dann in Fontainebleau nicht wieder bei null zu beginnen. Leider verfl\u00fcchtigt sich auch dies schneller, als der Schnee schmilzt, und so gr\u00fcsst mich das Murmeltier jedes Jahr wieder aufs neue, wenn es auf den Sommer zugeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nat\u00fcrlich vergisst auch ein alter Kater nicht, wie das Mausen geht. In all den Jahren habe ich mich immer wieder mit den neuesten Entwicklungen bei der Selbstsicherung im Vorstieg besch\u00e4ftigt. In den 90er Jahren war der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Self-locking_device#Floating_cam_ascender\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Self-locking_device\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Soloist<\/a> von Wren Industries der beste Kompromiss zwischen Sicherheit und Erschwinglichkeit. Zuvor hatte ich auch einen schon fix eingebundenen Mastwurf mit gen\u00fcgend Schlappseil bis zum n\u00e4chsten Haken verwendet. Weil Haken oftmals an den schwierigen Stellen plaziert sind, war diese Technik jedoch psychisch arg limitierend, denn die Sturzl\u00e4nge ist damit in jedem Fall mindestens betr\u00e4chtlich. Zudem braucht man eher zwei als nur eine Hand, um einen Mastwurfknoten zu verl\u00e4ngern. So lassen sich nur einfachere Routen absichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Soloist bestellte ich damals in den USA, was zu Zeiten vor dem Internet und entsprechendem Shopping f\u00fcr sich selber schon ein abenteuerliches Unterfangen war: Bestellung per Briefpost, Bank\u00fcberweisung von der lokalen Filiale ins Ausland, Versand mit Luftfracht, Verzollung &#8212; und einige Wochen sp\u00e4ter war das P\u00e4cklein tats\u00e4chlich da. Das Nonplusultra w\u00e4re der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Self-locking_device\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Self-locking_device\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Silent Partner<\/a> vom selben Hersteller gewesen, der f\u00fcr mich jedoch unerschwinglich teuer war. Occasionsger\u00e4te werden noch heute f\u00fcr weit \u00fcber tausend Franken gehandelt! Der Soloist ist ein einfacheres Ger\u00e4t mit fast demselben Sicherheitsspektrum, weist jedoch einen entscheidenden Nachteil auf. N\u00e4mlich blockiert er nicht bei einem Sturz kopf\u00fcber. In einem solchen Fall w\u00fcrde man ungebremst st\u00fcrzen bis zum n\u00e4chsten Blockierungsknoten, den man hoffentlich gemacht hatte. Selbstverst\u00e4ndlich will man derartige St\u00fcrze generell vermeiden, aber kann man es wirklich garantieren?! Die Verunsicherung kletterte stets mit, und tats\u00e4chlich rutschten mir in der Niedermann-Route an der Grauen Wand tats\u00e4chlich einmal die F\u00fcsse weg, als ich eine offene Verschneidung hochpiazte. Irgendwie richtete sich mein K\u00f6rper von selber wieder aufrecht, aber bis dorthin hatte ich schon einen rechten Sturz hingelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter liess ich die Solokletterei bleiben und widmete mich mehr dem alpinen Bergsteigen. In dieser Zeit kam das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grigri\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grigri\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Grigri<\/a> von Petzls als Sicherungsger\u00e4t auf, das mit leichter Modifikation auch zur Selbstsicherung im Vorstieg taugte, auch wenn es dasselbe Manko aufweist wie der Soloist. Selber probierte ich das jedoch nie aus. Als Wild Country vor einigen Jahren das <a href=\"https:\/\/www.wildcountry.com\/revo-belay-device-40-REVO\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.wildcountry.com\/revo-belay-device-40-REVO\">Revo<\/a> auf den Markt brachte, war ich aber sofort Feuer und Flamme. Soweit ich es verstanden habe, ist es das erschwingliche \u00c4quivalent des Silent Partners, einfach 30 Jahre sp\u00e4ter. Auch wenn ich keine konkreten Pl\u00e4ne oder auch nur Vorstellungen von Solotouren hatte, schaffte ich es mir gleich an und setzte mich damit auseinander. Alles nur in der Theorie, wohlverstanden, denn mit Soloklettern hatte ich abgeschlossen. Eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2026 ist das Jahr des trockensten Sommers seit Jahrzehnten oder noch l\u00e4nger. Der Wald von Fontainebleau wurde von einem verheerenden Waldbrand in Asche gelegt, und die Kletterfelsen dabei vielleicht in Schutt, wer weiss? Meine Frau und ich machen uns deshalb f\u00fcr unsere Sommerfrische auf ins Tavetsch. Vorsorglich packe ich alles M\u00f6gliche an Bergsportmaterial ein: Helm, leicht Steigeisen und Pickel, Bergschuhe, Kletterseil, RapLine, Klettergurt, Sicherungsmaterial, Kletterfinken, Trailzeug, Biwakzelt, Matten und Schlafs\u00e4cke, Kochzeug und so weiter und so fort. Wir wollen schauen, was geht und vor Ort entscheiden k\u00f6nnen. Ich hatte einige Tourenpl\u00e4ne im Kopf und beim \u00dcberlegen kam mir auch der S\u00fcdgrat am Piz Cavardiras in den Sinn. Einmal geklettert vor gut 15 Jahren und nicht wirklich schwierig in Erinnerung. Vielleicht w\u00e4re das etwas? Oder vielleicht w\u00e4re es doch etwas zu anspruchsvoll f\u00fcr uns beide. Aber dann vielleicht &#8230; &#8212; So legte ich das Revo auch noch zu den Sachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erster Tag, wunderbares Sommerwetter. Etwas ausgeschlafen, und im Lauf des Morgens f\u00fcr eine k\u00fcrzere Tour auf den Piz Gendusas entschieden. Angenehm warm, aber nicht heiss, weil ein feines L\u00fcftlein weht. Lieblicher Weg bei den Seelein von Gendusas Dadens, als pl\u00f6tzlich meine K\u00fcnste als Bandagist gefragt sind. Barfusslaufen und Umherschauen ist keine gute Kombination, wenn grobe Felsbl\u00f6cke im Weg sind. Fussnagel nach hinten umgebogen, viel Blut und Schmerzen. Erstaunlicherweise kann sie im Schuh weitergehen, und wir erreichen tats\u00e4chlich auch den Gipfel, jedoch sind in den folgenden Tagen keine anspruchsvollen Touren m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Tage sp\u00e4ter ist das perfekte Bergwetter angek\u00fcndigt. Keine Wolken und null Gewittergefahr. Es w\u00e4re schade, diesen Tag ungenutzt zu lassen. &#8212; K\u00f6nnte ich nicht solo \u00fcber den S\u00fcdgrat klettern? Sicher br\u00e4uchte ich mehr Zeit als eine Zweierseilschaft, aber es sollte machbar sein. Lange muss ich nicht \u00fcberlegen. Am Vorabend biwakieren wir in der N\u00e4he des Lag Serein und geniessen einen lauen Sommerabend mit Panoramablick zur Medelsergruppe. Eigentlich wollte ich versuchen, den gesamten R\u00fccken vom Muota di Tir her zu \u00fcberschreiten. Der untere Teil sieht nach unschwierigem Gehgel\u00e4nde aus, und ich verstehe nicht, weshalb es dazu keine Informationen gibt. Schliesslich sch\u00e4tze ich das Risiko als zu hoch ein, von einer tiefen, br\u00fcchigen Scharte aufgehalten zu werden. Stattdessen plane ich mit dem Normalzustieg direkt in die L\u00fccke unmittelbar vor dem direkten S\u00fcdgrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Des Nachts rufe ich mir die YouTube-Filme zum Soloklettern mit dem Revo in Erinnerung, um mir die Sicherungstechnik gedanklich nochmals zurechtzulegen. Fr\u00fch am Morgen l\u00e4uft neben mir hingegen die Online-Video\u00fcbertragung des Viertelfinals der Fussball-WM. Nachdem ich aus zweiter Hand das Ausscheiden der Schweizer Mannschaft mitbekommen habe, mache ich mich auf zu gr\u00f6sseren Taten. Vom Seelein weg folgt man dem Aufstieg zum Brunnipass. Ich zweige schon beim grossen Steinblock auf rund 2400 ab gegen den langen Ausl\u00e4ufer des S\u00fcdgrats hin, denn ich will die verschiedenen L\u00fccken im langgezogenen S\u00fcdr\u00fccken begutachten. Schneller w\u00e4re es vermutlich, dem Weg weiter zu folgen und erst auf ca. 2500 \u00fcber eine Rampe in den S\u00fcdkessel vom Brichlig hochzusteigen. Diese Mulde ist mit den Hinterlassenschaften von zahllosen Felsst\u00fcrzen und Steinschl\u00e4gen angef\u00fcllt, die seit dem Verschwinden der Gletscher vor rund 15&#8217;000 Jahren die umliegenden Felsw\u00e4nde bearbeitet haben. Deutlich ist der Rand des Kessels als Mor\u00e4nenwall zu erkennen, der vermutlich noch vor einigen Jahrzehnten einen Firnrest umfasste. Heute ist er praktisch aper und sieht wie ein w\u00fcster Steinbruch aus. Der Kontrast zur saftig gr\u00fcnen Rasenlandschaft weiter unten, die von munteren B\u00e4chlein durchzogen ist, k\u00f6nnte kaum gr\u00f6sser sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird es ernst. Nicht eigentlich die Szenerie, denn sie hat an diesem Morgen nichts Furchteinfl\u00f6ssendes an sich. Hingegen wird mir schlagartig bewusst, was ich eigentlich vorhabe, und von welcher Gr\u00f6ssenordnung die Anforderungen sein werden. Bis dorthin hatte ich das Gef\u00fchl, alles im Griff zu haben, auch wenn vieles an meiner Planung recht vage war. Kletterschwierigkeiten? Passt wohl. Sicherungstechnik? Funktioniert schon. Unvorhergesehenes? Vorzu schauen. &#8212; Aha. Vermutlich trifft das alles zu, aber es hat doch etwas gar viele &#8220;mal schauen&#8221;-Variablen drin. Mir war selber schon aufgefallen, wie ruhig ich die ganze Sache angegangen war. Von fr\u00fcher her war ich mir einen deutlich angeregteren Nervenzustand gewohnt. Nicht eigentlich angespannt, aber doch deutlich aktiver und vielleicht auch frischer im Denken und F\u00fchlen. Woher diese Tiefenentspannung kam, konnte ich nicht ergr\u00fcnden, aber ich hatte sie als gutes Zeichen gedeutet. Nun aber ergriff mich die existenzielle Dimension meines Vorhabens f\u00fcr einen Moment. Wenn ich den Schwierigkeiten nicht gewachsen sein sollte, w\u00fcrde ich sofort tief im Schlamassel stecken und zwar ganz allein. Noch schlimmer, wenn ich einen Fehler machen w\u00fcrde. Dann w\u00e4re nur noch Rettung von aussen m\u00f6glich, die ich selber herbeirufen m\u00fcsste. Eine gravierende Verletzung und\/oder Bewusstlosigkeit h\u00e4tte vermutlich dramatische Konsequenzen. Zwar trage ich ein Satellitennotrufger\u00e4t auf mir, aber das m\u00fcsste ich manuell bedienen. Im Nachhinein betrachtet w\u00e4re eine sog. Totmannschaltung vielleicht doch eine gute Sache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauert aber nicht lange, bis ich diese Gedanken vollst\u00e4ndig einordnen und in ihrer Tragweite akzeptieren kann. Schliesslich sind sie mir seit Jahrzehnten wohl vertraut, auch wenn sie heute zum ersten Mal seit Jahren derart m\u00e4chtig aus der Versenkung auftauchen. Genau diese \u00dcberlegungen bilden die Essenz des Solokletterns. Nichts Neues, und auch schon Dutzende von Malen durchgespielt. Eigentlich spielen sich alle meine Touren in diesem Bereich ab, wenn auch meistens weniger deutlich ausgepr\u00e4gt. Hier nun zeigt sich die Gefahr messerscharf, und die Absch\u00e4tzung des Risikos geschieht entlang einer feinen Linie. Mit zunehmender technischer Schwierigkeit wird die Sicherheitsmarge geringer, denn meine Reserven schwinden im oberen Bereich. Dorthin zu optimieren, macht den Reiz des Solokletterns im Fels aus. Deswegen bin ich hier, und das wusste ich die ganze Zeit, wenn es mir auch erst jetzt richtig bewusst wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Einstiegsvariante warten zw\u00f6lf Seill\u00e4ngen, drei davon im Schwierigkeitsgrad 3, also Gehgel\u00e4nde. Das wird wohl nicht allzu lange dauern, denke ich mir. Wie man sich t\u00e4uschen kann! Um acht Uhr klettere ich los, nachdem ich endlich den richtigen Einstieg gefunden habe, und mein Material sch\u00f6n geb\u00fcndelt ist. Vom glatt geschliffenen Vorbau geht es durch eine Rinne hoch. Gleich zuunterst steckt ein Bohrhaken, was f\u00fcr mich essentiell ist, denn ich muss das Seil jeweils unten irgendwo verankern k\u00f6nnen. Danach schrubbe ich mich durch die Rissverschneidung hoch. Der Fels ist trocken und griffig, aber der Kaltstart und die nicht einfache Kletterei fordern mich stark. Ausserdem ist nicht alles ganz perfekt fest, und an mancher Stelle \u00fcberpr\u00fcfe ich die Griffe mehrfach. Die gr\u00f6sste Schwierigkeit stellt jedoch die Orientierung dar. Da die Linie nicht eindeutig ist, und die sp\u00e4rlichen Bohrhaken auf dem dunkelgrauen Fels nicht gut sichtbar sind, stehe ich immer mal wieder suchend da und halte nach der Fortsetzung Ausschau, denn einen Versteiger kann ich mir nicht leisten. Sehr hilfreich ist das korrigierte <a href=\"https:\/\/www.hikr.org\/gallery\/photo183211.html\">Topo auf Hikr.org<\/a> von Alpin Rise, das ich w\u00e4hrend der ganzen Route immer wieder konsultiere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese ersten Seill\u00e4ngen entwickeln sich zu einer sehr zeitaufw\u00e4ndigen Angelegenheit. Just als ich loslegte, stiegen drei Seilschaften vom Kessel aus \u00fcber den Originalzustieg direkt in die Scharte hoch. Bis ich auf dem ersten Turm bin, haben sie nur schon netto zwei Seill\u00e4ngen Vorsprung, dazu noch keine einzige schwierigere Kletterei zur\u00fcckgelegt. Ich sehe sie weit oben und sp\u00e4ter gar nicht mehr. Den Rest des Tages werde ich in splendider Einsamkeit unterwegs sein, &#8220;foot-loose and fancy-free&#8221;. Von leichtf\u00fcssigem Vorankommen kann aber nicht gross die Rede sein. Jede Seill\u00e4nge muss doppelt geklettert werden: Einmal im Vorstieg, danach abseilen und dabei auf den Seilverlauf achten, damit der Nachstieg mit Rucksack sicher ohne grosse Pendelschw\u00fcnge verl\u00e4uft. Mit gen\u00fcgend Gl\u00fcck verhakt sich das Seil weder im ersten Aufstieg (das w\u00e4re sehr \u00fcbel!), noch beim finalen Hochziehen. Obschon der Fels wunderbar fest ist, l\u00e4dt seine verwitterte Oberfl\u00e4che und die zerrissene Struktur geradezu ein f\u00fcr Seilverklemmer. Unten ist das weniger ein Problem, aber an der abschliessenden Gipfelwand habe ich mehrfach das Vergn\u00fcgen, zwischendurch wieder abzuseilen. Logisch, dass ich so etwa die doppelte Zeit einer eingespielten Seilschaft ben\u00f6tige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gl\u00fccklicherweise spielt das alles heute keine Rolle, denn das Wetter ist und bleibt perfekt. Blauer Himmel, wenig Wind und keine einzige Gewitterwolke weit und breit. So kann ich die Kletterei in vollen Z\u00fcgen geniessen. Der Fels ist eisenfest, und die Kletterei schlicht der Hammer. Meine Erinnerungen sind recht vage und betreffen nur die zentralen L\u00e4ngen am dritten sowie die Querung am zweiten Turm. So ist nicht nur die Einstiegsvariante ein neues Abenteuer f\u00fcr mich, sondern eigentlich jede einzelne Seill\u00e4nge. Ganz vergessen hatte ich auch, dass es insgesamt drei Abseilstellen gibt, die ziemlich ausgesetzt sind. Sich \u00fcber einen Grat hoch zu arbeiten ist eine Sache f\u00fcr sich. Die Geborgenheit der Scharten, Nischen und Abs\u00e4tze zu verlassen, und sich frei in die Luft zu h\u00e4ngen, verlangt \u00dcberwindung. Danach ist jeweils eine mentale Neuorientierung gefragt, wenn es \u00fcber steiles Gel\u00e4nde wieder hoch geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Erinnerungsverm\u00f6gen an Routendetails war noch nie gut. Meistens bin ich schon zufrieden, wenn ich mich daran erinnere ,eine Route schon einmal geklettert zu haben. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne Leute, die sich Jahre sp\u00e4ter noch an einzelne Griffe und Tritte erinnern k\u00f6nnen. Bewundernswert! Immerhin habe ich ein Bilder des K\u00f6nigsst\u00fcck dieser Route vor Augen, n\u00e4mlich der Seill\u00e4ngen am dritten Turm. In meiner Erinnerung sticht das Goldbraun des riesigen Plattenturms hervor. Damals hatte ich diese Kletterei als sch\u00f6ne Herausforderung nehmen k\u00f6nnen, ebenso gut gesichert wie begleitet. Heute l\u00e4sst mich der Anblick f\u00fcr einen Moment erstarren. Die Kompromisslosigkeit der Linie war mir nicht mehr bewusst gewesen. Steil zieht die linke Kante empor, dahinter viel Nichts und rechts davon der steile Plattenschuss. Weit oben zieht ein Felsriegel nach rechts. Ich versuche im Geist, die Z\u00fcge entlang der Kante vorwegzunehmen und mir eine gute Strategie zurecht zu legen. Die Sicherung ist zweifelsohne gut, jedoch in keiner Weise \u00fcbertrieben. Der Fels zeigt keine Schwachzonen, und die Schwierigkeiten sehen anhaltend aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau daf\u00fcr bin ich hier. Diese Anforderungen stelle ich an mich selber. N\u00e4mlich nicht zu verzagen, auf mein K\u00f6nnen zu vertrauen, und es auch zu zeigen. Meter f\u00fcr Meter arbeite ich mich hoch, versunken in die Aufgabe. Hochkonzentriert reihe ich Zug an Zug, lese die Strukturen im Fels, plane Bewegungen voraus, h\u00e4nge Sicherungen ein, \u00fcberwache den Seilverlauf und steige langsam h\u00f6her. Die Kletterei an der Kante ist recht athletisch. Man bewegt sich oftmals auch dahinter, wo die Ausgesetztheit deutlich sp\u00fcrbar wird. Die Haken sind dort plaziert, wo es auch einen kleinen Absatz zum stehen gibt. Dazwischen muss z\u00fcnftig geklettert werden. In mir w\u00e4chst allergr\u00f6sster Respekt vor den Erstbegehern H. Bernhard und P. Condrau. Im Jahr 1949 kletterte man mit Bergschuhen, und auf den Platten konnte man keine Bohrhaken setzen. Ausserdem waren die Kletterschwierigkeiten ja nicht bekannt. Welch ein Abenteuer das gewesen sein muss, und wieviel K\u00f6nnen die beiden mitgebracht haben m\u00fcssen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer langen Vertikalen quert die Route unter einem Vorsprung nach rechts zu einem Stand auf einem schmalen Band. Eigentlich kann ich recht gut plattenklettern, und die Sicherung ist perfekt, aber der Wechsel zu Spreizbewegungen und schmalen Leistchen f\u00e4llt mir nicht leicht. Die Spannung l\u00f6st sich nur langsam aus meinem K\u00f6rper, und f\u00e4llt erst weg, als ich mich aufs Band hin\u00fcber ziehe. Puh, geschafft! Abseilend \u00fcber den Quergang zur\u00fcck, um die Haken f\u00fcr den Nachstieg einzuh\u00e4ngen, der Kante entlang hinunter zum Stand und dann das Ganze nochmals mit Rucksack. Auch diesmal zehrt die Ausgesetztheit an meinen Nerven. Danach h\u00e4nge ich mitten im Niemandsland dieses Plattenturms mutterseelenallein an zwei Haken. Meine F\u00fcsse stehen auf einem Band, das kaum breiter als meine Hand ist, und darunter geht es ein paar hundert Meter \u00fcber die Ostflanke hinab. Wie k\u00f6nnte man diese Ausgesetztheit aushalten, wenn man sie nicht eigentlich begehren w\u00fcrde?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meiner Erinnerung folgt jetzt nur noch ein weiterer Quergang und dann ein leichter Ausstieg auf der rechten Seite. Die Realit\u00e4t h\u00e4lt zuvor aber noch den Aufstieg direkt \u00fcber den Felsriegel bereit, der alles andere als trivial aussieht. Direkt vom Stand hoch ist es schon bis zum ersten Haken fusstechnisch nicht einfach, und dar\u00fcber folgt ein etwas un\u00fcbersichtlicher Verlauf entlang einer L\u00fccke im Riegel. Hier heisst es nun richtig zupacken, und die Gedanken auf Felsstrukturen und Bewegungen fokussieren. Gleichzeitig die Bewegungen fliessen lassen und instinktiv die Griffe und Tritte finden. Entlang einer Rissspur hochschleichen, seitlich an Untergriffen balancieren, links ausbalancieren, oben eine seichte Vertiefung greifen, hochdr\u00fccken, Querleisten greifen, nachsteigen und tief durchatmen. Nach dieser Alzheimerl\u00fccke im geistigen Routenverlauf folgt tats\u00e4chlich die lange Querung gegen die rechte Kante hin. Ich hatte sie wenig schwierig in Erinnerung, denn Plattenkletterei liegt mir ja gut. Gegens Ende hin wird sie aber zunehmend diffiziler, und die letzten Z\u00fcge stellen nochmals eine kleine Herausforderung dar. Danach hat es sich dann tats\u00e4chlich mit Schwierigkeiten, und es geht zum Stand hinter einem Einschnitt hoch. Dort sitzt man geborgen wie im Adlerhorst, und man m\u00f6chte fast bleiben. Neben der Kante g\u00e4hnt jedoch die tiefe Leere, und der Lunch steckt unten im Rucksack.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also abseilen und hin\u00fcberqueren zum Stand, Material schultern und das Ganze nochmals. Dank meines ph\u00e4nomenal schlechten Erinnerungsverm\u00f6gens ist der zweite Aufstieg jeweils keinen Deut einfacher als der erste. Das Zusatzgewicht auf dem R\u00fccken hilft nat\u00fcrlich nicht, und st\u00fcrzen will ich auch nicht. Endlich wieder im Sicheren angelangt, setze ich mich zum ersten Mal hin und mache Pause. Jetzt sollte es nicht mehr allzu weit sein und vor allem nicht mehr schwierig, meine ich mich zu erinnern. Im Nachhinein ist offensichtlich, dass diese Prognose v\u00f6llig daneben geht. Im Moment aber erfreue ich mich an der Vorstellung, bald das Seil wegzulegen und auf den Gipfel hochzukraxeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blick ins Topo verr\u00e4t, dass gleich unmittelbar die technisch schwierigste Passage folgt. Aha, wer h\u00e4tte das gedacht! Tats\u00e4chlich handelt es sich um eine Boulderpassage \u00fcber den ersten und einzigen Haken auf einem steilen Aufschwung. Auf der linken Seite wird er durch eine geschlossene Verschneidung begrenzt, die hinauf zu einer horizontalen Plattform leitet. Der Fels ist plattig und weist keine ausgepr\u00e4gten Strukturen auf. Rechts geht es wieder einmal steil in die Tiefe, und ich frage mich, ob es nicht gescheiter w\u00e4re, die Stelle einfach A0 zu ziehen. Mein Ehrgeiz will es jedoch nicht bleiben lassen, und so schiebe ich mich Zentimeter um Zentimeter nach oben, bis ich an die Kante schnappen kann. Hat sich das jetzt gelohnt? Warum eigentlich auf Berge klettern, wenn man auch Seilbahn fahren k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz darauf die n\u00e4chste Abseilstelle, diesmal eine r\u00e4ss \u00fcberh\u00e4ngende. Eigentlich w\u00e4re doch jetzt bald einmal Gehgel\u00e4nde angesagt, oder nicht? Letzteres ist der Fall. Der Fels wechselt zu zerfressenen Strukturen und zackigen Bruchkanten. Trotzdem erinnert er irgendwie ans Eldorado am Grimsel. Nach einer interessanten Kletterstelle noch eine letzte Seill\u00e4nge durch liebliches, gestuftes Gel\u00e4nde, und unvermittelt stehe ich auf einer Schulter, die den Blick \u00fcbers ganze Tal freigibt. Bis zum Gipfel sind es noch einige H\u00f6henmeter, und Gehgel\u00e4nde ist es durchaus nicht. Anregende Kraxelei f\u00fchrt zum h\u00f6chsten Punkt. Der Nachmittag ist bald schon vorbei, und ich mache mich sogleich an den Abstieg. Vom Gipfel geht es \u00fcber alpines Blockgel\u00e4nde zuerst hin\u00fcber zum Brichlig hin\u00fcber und dann nordseitig zu dessen W-Grat hin\u00fcber. Endlich erreiche ich die L\u00fccke 2836, von wo eine Abseilpiste auf die Rasenterrasse in der S\u00fcdflanke hinunter f\u00fchrt. Auf der breiten Plattenflucht kommt das Seil jeweils gut nach, und ich beginne mich zu entspannen. Nat\u00fcrlich verhakt es sich dann bei der zweitletzten Seill\u00e4nge, wie k\u00f6nnte es auch anders sein? Gl\u00fccklicherweise kann ich es irgendwie freischwingen und gelange schliesslich auf den Boden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich das Geschirr weglegen! Jetzt nur noch zum Brunnipass hin\u00fcber und dann auf dem Weg zum Lag Serein. Die letzte Bahn habe ich schon l\u00e4ngst verpasst, und so werde ich insgesamt 1800 Hm Abstieg bis nach Disentis geniessen d\u00fcrfen. Den untersten Teil des Westgrats umgehe ich in der Nordflanke. Der Fels ist dort von der instabileren Sorte. Man sp\u00fcrt deutlich, wie der Permafrost fehlt, der die Felsen einst zusammenhielt. So dauert es eine gef\u00fchlte Ewigkeit, bis ich mich zum Grateinschnitt hinunter getastet habe. Wenigstens kann ich von dort aus dem Weg folgen. Bloss ist der zuoberst steil und rutschig, weiter unten verl\u00e4uft er \u00fcber grobblockiges Mor\u00e4nenger\u00f6ll, und bis hinunter zum Lag Serein ist nichts zu wollen mit fl\u00fcssigem Laufen. Als ich dort ankomme, ist die Sonne schon untergegangen, und der direkte Abstieg ist mir im Dunkeln zu steil. Also im Laufschritt hin\u00fcber zur Caischavedra, wo ich im Finstern auf der Terrasse eine Pause einlege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Z\u00fcckerchen des Tages aber kommt erst noch! Ins Tal hinunter f\u00fchrt eine kompromisslos steile Ger\u00f6llpiste, die mit m\u00fcden Beinen und im Lampenschein eine echte Herausforderung ist. A propos Lampe: Aus unerfindlichen Gr\u00fcnden halten gewisse Fluginsekten das Licht f\u00fcr eine pers\u00f6nliche Einladung, mir in die Augen, Nase oder in die Ohren zu surren. Einziger Ausweg ist umschalten auf rotes Licht, was sich allerdings negativ auf die Sicht auswirkt. Auch das geht irgendwie vor\u00fcber, sp\u00e4testens als ich die Waldstrasse erreiche. Zuunterst w\u00fcrde ich nach mehr als 16 Stunden Znterwegssein gerne \u00fcber die Wiese abk\u00fcrzen, aber dort bewachen zwei scharfe Herdenschutzhunde ihre Schafe. Die Bestien jagen mit w\u00fcstem Bellen auf mich zu und w\u00fcrden sich wohl auf mich st\u00fcrzen und mich zerfleischen, trennte uns nicht ein sch\u00fctzender Zaun. Einen derartigen Schrecken hatte ich den ganzen Tag \u00fcber nicht erlebt.<\/p>\n\n\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solo am S\u00fcdgrat &#8212; wie kommt es? Meine letzten grossen Solotouren liegen doch schon Jahrzehnte zur\u00fcck, und \u00fcberhaupt habe ich f\u00fcrs reine Felsklettern viel zu wenig Zeit. Zwar verbringen wir seit Jahren im Sommer Familienferien im Wald von Fontainebleau, und nach zwei Wochen bouldern habe ich jeweils das Gef\u00fchl, ich w\u00fcsste wieder, wie es gehe. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7986,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"wp-custom-template-einzelbeitrag-volle-breite","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":4971,"footnotes":""},"categories":[48],"tags":[34],"class_list":["post-7829","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-bergtour","tag-graubuenden"],"gutentor_comment":0,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7829"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7829\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7988,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7829\/revisions\/7988"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7986"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/munterwegs.org\/unterwegs\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}