2023-09-30 Prisank

Direkt nach der Anreise ein sehr langer Tag mit den beiden Klettersteigen in der Nordwand des Prisank (Gesamtaufstieg 2’200 Hm). Sehr gut abgesichert, wo nötig, und trotzdem sehr grosszügiges Landschaftserlebnis. Der Abstieg ist auch steil und braucht seine Zeit. Höhepunkt ist der Weg durch das (Riesen-)Loch, am meisten beeindruckt hat mich jedoch das Felsgesicht des Schlafenden Mädchens.

Hanzova pot (“Hanslis Weg”)

Per Anhalter gelange ich von Kranjska Gora zur Herberge Koča na Gozdu an der Strasse zum Vršič-Pass. Nach Kaffee und Nussgipfel darf ich meine Sachen dort deponieren und rüste meinen Allzweckrucksack auf den Modus Trail-Säckli um und schnalle mir mein ultraleichtes Klettersteig-Set um. Mit dem Allernötigsten ausgerüstet mache ich mich kurz nach 10 Uhr auf den Weg.

Man steigt kurz ins Flussbett auf gut 1200m hinunter und im Gegenhang übers Geröll und zwischen Latschen durch hoch. Die ganze Route ist ausgezeichnet markiert, sodass man sich ganz auf die Kletterei konzentrieren kann. Vom Einstieg weg geht es fürs Erste etwas “räss” zur Sache, nachher beruhigt sich das jedoch bald wieder. Über Bänder und Absätze steigt man allgemein rechtshaltend hoch. Relativ früh bin ich drauf und dran, mich zu versteigen, als ich beginne mich eine steile Rinne hochzuarbeiten. Glücklicherweise weisen mich zwei andere darauf hin, dass der Weg rechts über eine glatte Wand hochzieht.

Recht anspruchsvoll ist der Abstieg in eine breite Schlucht, die im Sommer offenbar noch lange mit Altschnee gefüllt ist. Anfang Oktober 2024 war sie jedoch trocken und relativ leicht zu traversieren. Solange Schnee liegt, muss man sicher leichte Steigeisen und einen Pickel dabei haben, denn das Gelände ist steil.

Danach steigt man über einen Geländerücken hoch bis auf eine Kanzel, von wo aus man weiter zum Weg durch das Fenster (s.u.) traversieren kann. Ich jedoch zweige links ab und arbeite mich durch relativ einfaches Gelände zum markanten Hudičev Steber (Teufelsstock) 2237 hoch. Von dort aus sieht der Weiterweg ziemlich eindrücklich aus. Er zieht direkt über den senkrechten Grat hoch, und ich bin froh, das Klettersteig-Set dabeizuhaben. Dank der Sicherung sind die realen Schwierigkeiten dann nicht überwältigend.

Darüber zieht der Weg auf einem Band horizontal nach rechts in eine breite Arena mit schönem Fels, wo er ziemlich zentral zu einer Lücke im Nordgrat hochzieht. Dahinter folgt bald einmal eine letzte steile Leiter, bevor man zum Gipfel hochsteigt.

Zu meiner Überraschung ist der Normalweg durch die Südflanke nicht etwa eine Autobahn, sondern ein recht steiler Pfad, der im obersten Teil Trittsicherheit verlangt, besonders im Abstieg. Immerhin kommt er ohne Kabelversicherung aus. Laufgelände wird es definitiv erst ab rund 1800m auf dem Wanderweg zum Vršič-Pass, auf dem man den Wandfuss im Uhrzeigersinn umläuft.

Weg durchs vordere Fenster (“1. Okno”)

Vom Sattel 1615 am Westfuss des Bergs könnte ich zum Vršič-Pass hinüber und den Tag bei einem Hopfentee ausklingen lassen. Mein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, am Sattel ein Wasserdepot einzurichten, um mich für den zweiten Klettersteig durch die Nordwand zu stärken. Nun aber stehe ich hier und schlucke einmal leer, denn mein Wasservorrat ist sehr knapp geworden. Nach kurzem Abwägen entscheide ich mich, den Nachmittag wie geplant zu nutzen, jedoch nicht mehr ganz zum Gipfel hochzusteigen, sondern von der Westschulter 2314 wieder abzusteigen.

Der Zugang zum Okno-Steig ist nur undeutlich zu erkennen. Durch ein Latschenlabyrinth folge ich meinem GPS und treffe alsbald auf eine klare Spur, die über rund 100 Hm zum Einstieg hinunter führt. Der ist wieder recht “räss”, was sich auch bald legt. Das Einstiegsbillet hat. Man steigt rund 300 Hm recht beschaulich auf eine Schulter hoch. Man steigt auf einen Moränenrücken zu, wo man ganz unvermittelt einem riesigen Mädchengesicht in der Felswand gegenübersteht, das einen schweigend ansieht. Das Gesicht des Schlafenden Mädchens ist eine der berührendsten Felsformationen, die ich je gesehen habe. Allein dieser Moment ist es wert, hier zu sein.

Und es kommt noch besser! Die steile “Headwall” wird ziemlich zentral angegangen, und schon der Zustieg dort hinüber verströmt Abenteuerduft. Durch eine weite Arena steigt man zu einem Band unter einer überhängenden Felsflucht hoch, das man weit nach links quert, stellenweise recht ausgesetzt. An dessen Ende steigt man durch einen dunklen Riss hoch. Diese Stelle ist recht anstrengend und sehr ausgesetzt, und ich klinke die Sicherungskarabiner sehr gerne ins Stahlkabel ein. Höhepunkt ist schliesslich ein Kriechkamin, wo man wie ein Kaminfeger durch einen breiten, glattpolierten Schlitz hochrobbt. Im späten Nachmittagslicht fühle ich mich ans Ende aller Zeit versetzt.

Darüber steuert man über geneigteres und wie gewohnt gerölliges Gelände mehr oder weniger direkt auf das Ende der Raumzeit zu. Dieses zeigt sich als gigantisches Loch (“okno”), das sich bei Annäherung immer mehr vergrössert. In den Dimensionen einer gotischen Kathedrale wölbt es sich schliesslich über mir empor. Sündhaft schuldig krieche ich über den glatten Marmorboden dem Licht entgegen, und bin kurz davor, mich auf den Boden zu werfen. Schon immer hatte ich davon geträumt, in solch hehren Hallen empor zu steigen.

Empfangen werde ich vom warmen Glanz des späten Sonnenlichts. Himmelblauer Samt tapeziert die endlose Horizontale, und in der Senkrechten sind reihenweise Bergketten hintereinander gestaffelt. Es ist immer noch Nachmittag — Zeit genug, um noch gegen den Gipfel hochzusteigen, nicht wahr? Ich wende mich ab von der endlosen Weite und folge den Markierungen. Anregende Kraxelei führt zum Westgrat hinauf, und beschaulich geht es weiter zur Westschulter, wo der Hauptgipfel in Sicht kommt. Weiter geht es heute nicht, denn der Schein der Sonne nimmt langsam ab.

So mache ich kehrt und eile bergab. Bis zum Fensterloch ist das Gelände recht technisch, und auch darunter komme ich nicht besonders schnell voran, denn der Weg ist schmal und verläuft durch steile Grasflanken. Erst auf rund 1900m geht es etwas schneller voran. Der Weg zum Pass ist jedoch recht mühsam. Unter der Westflanke quert man eine grosse Schutthalde, nach dem Westsattel muss man entweder ein blödsinnig steiles Hügelchen bezwingen oder westlich umgehen, was in Unterholzslalom ausartet, bevor es auf einer asphaltierten Strasse hinuntergeht. Mir reicht es eigentlich schon recht gut, aber schliesslich muss ich noch mein Gepäck im Tal abholen gehen.

Im vorletzten Licht spurte ich zwei amerikanischen Touristen nach, die gerade eben das Gasthaus verlassen haben und überrede sie, dass ich kein Gauner bin und sie deshalb die zehn Fahrminuten hinunter mit mir als Passagier gefahrlos überstehen werden. Lustigerweise entdecken wir, dass einer von ihnen sehr nahe von dort aufgewachsen ist, wo ich als Austauschschüler ein Gastjahr in Iowa verbracht habe.

Unten angekommen stärke ich mich im Gasthaus. Die Wirtin erklärt mir, dass die Strasse weiter unten wegen eines Unfalls gesperrt worden sein, was meine Chancen auf Autostopp auf null verringert. Also speise ich ausgiebiger, bevor ich mich in der Dunkelheit mit Sack und Pack an die Strasse stelle. Allzu stark scheinen meine Chancen, nüchtern betrachtet, nicht gestiegen zu sein. Jedoch, wer hätte es gedacht, nimmt mich gleich das zweite Auto mit. Zwar nicht bis zur Passhöhe, aber immerhin so weit, dass es nur noch eine knappe halbe Stunde zu gehen ist. In dieser Zeit geht der Mond hinter der östlichen Bergkette auf, und begleitet mich auf dem Weg zu meiner Nachtstätte im Tičarjev-Haus.

Bilder

Meine Tochter hatte sich zu Weihnachten eine wasserdichte Kamera gewünscht, und so suchte ich eine preiswerte Action-Cam. Mit der Apexcam 4K Actionkamera landete ich zu einem unglaublich günstigen Preis einen totalen Fehltreffer. Das Gerät ist zwar leicht, das Zubehör sehr umfangreich, und die beiden Akkus halten recht lange durch, jedoch sind die Bilder schummrig, und die Akkus lassen sich nur in der Ladeschale aufladen, die ich zuhause gelassen hatte. So stieg die Kamera nach der Kaminschrubberei aus und liess sich fortan als totes Gewicht durch die Berge Sloweniens transportieren. Schade, aber lehrreich. Für zukünftige Unternehmungen habe ich mir eine Insta360 GO besorgt, sie aber (immer) noch nicht ausprobiert.


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