Winterstart stelle ich mir eigentlich anders vor, als auf Kunstschnee rumzurutschen. Für Skitouren reicht es jedoch beim besten Willen nicht. Nur dank des Weihnachtsgeschenks von einem hübschen Schäumchen Neuschnee sieht es rundherum nicht mehr nach November aus. Spätestens um die Mittagszeit sind die Pisten jeweils derart überbevölkert, dass mir der Spass vergeht. Fürs Langlaufen auf einer Minirunde im Kältekessel beim Rhein unten reicht meine Verzweiflung noch nicht, denn ich habe wohlweislich eine abgespeckte Trail-Ausrüstung mitgenommen. Die Südhänge sind bis auf rund 2000m hinauf schneefrei und sonnenbeschienen. Da kein Windhaus geht, lässt es sich sogar kurzärmlig aushalten.
Meine Standardrunde beginnt in Dieni und führt zu den Ställen von Mila über dem gleichnamigen Bach hoch. Für die Fortsetzung muss die Wildruhezone beachtet werden, die den Einschnitt von l’Ondadusa umfasst. Die ehemalige Skitourenroute durch den Wald zum Caschlé ist heutzutage nicht mehr erlaubt. Ein hübscher Pfad folgt jedoch dem unteren Saum des Waldes knapp über der Stromleitung, welche überhaupt nicht stört. Ein kurzer schattseitiger Abstieg führt zur Senda Clavaniev hinüber, die auf sehr hübschem Pfad zum Strem hinüber führt. Die in der Landeskarte eingezeichnete Brücke vor der Bahnlinie gibt es schon seit Jahren nicht mehr; am besten lässt sich der Bach in der Nähe von P.1461 überqueren. Hinunter zur Bahnlinie sollte man dem Wasser entlang, wenn man nicht von Einsassen unfreundlich angefaucht werden will von wegen “mit dreckigen Schuhen über den Schnee laufen” (!!!). Wenn der Dichtestress schon vor Neujahr derart ausschlägt, verspricht das einen lautstarken Verlauf der weiteren Saison.
Die kürzeste Runde führt zum Einkaufen im Coop von Sedrun und dann zurück nach Zarcuns (wo man es nicht versäumen sollte, einen Blick ins Innere des Kirchleins zu werfen) und dann auf dem Weg oberhalb der Strasse nach Rueras und durchs Dorf wieder zurück.
Alternativ könnte man der Luftseilbahn entlang über Cungieri zum Cuolm da Vi hochsteigen, einer Aussichtsterrasse ersten Ranges mit Blick über das ganze Vorderrheintal bis nach Chur hinunter und einem einladenden Restaurant. Aufgrund von Schneemangel herrscht derzeit auch noch kein Skirummel, was dieses Ziel doppelt attraktiv macht. Nachmittags liegt der direkte Aufstieg von Sedrun her in der Sonne. Allerdings folgt man dabei weitgehend der Fahrstrasse, was ich wenig attraktiv finde. Stattdessen will ich jenes Ziel über die steilen Waldhänge oberhalb von Bugnei erreichen. Aber ohalätz, schon wieder Wildruhezone, und zwar grossflächig! Die gesamte Süd- und Südwestflanke um das Val Bugnei darf im Winter nicht betreten werden. Was nun?
Ein Fahrweg führt praktisch horizontal über 4km der Bahnlinie entlang bis nach Mumpé Tujetsch. Vor dem Dorf geht es steil hoch in den Wald und zur lieblichen Ebene von Prau Sura. Ein weiterer steiler Anstieg leitet zu den Ställen von Barschaus und weiter auf die Schattenseite. Nach hundert Höhenmetern Gefrierschrankatmosphäre tritt man wieder in die Sonne und folgt dem Ostrücken des Piz Plaun Grond (auch Bostg genannt) bis zum Gipfel. Dieser Weg ist eine ausgeschilderte Schneeschuhroute und entsprechend gut ausgetreten.
Der Weiterweg steigt rund 50Hm durch den verschneiten Nordhang ab und erreicht im Sattel darunter den schneidigen Südgrat des Piz las Palas. Glücklicherweise ist schon gespurt, denn meine Ausrüstung ist nur bedingt wintertauglich. Zwar bewähren sich meine Trail-Spikes DIY vollauf und bieten beeindruckenden Halt selbst auf vereisten Partien, jedoch bin ich allgemein zu leicht bekleidet für längeres Schneestapfen. Zudem drängt die Zeit, denn die letzte Gondel fährt um 17 Uhr wieder hinunter nach Sedrun.
Im Storchenschritt stapfe ich durch die Schneefelder zum Ansatz des Grätleins. Dank der südseitigen Ausrichtung liegt im weiteren Aufstieg sehr wenig Schnee, und ein warmer Luft weht von den steilen Grasflanken empor. Viel zu schnell ist das Gipfelchen erreicht, bevor es der Krete entlang weitergeht. In der Südflanke lassen sich die Schneefelder weiterhin grösstenteils umgehen, sodass man nur das letzte Stück zum Ziel hoch nochmals durch tiefen Schnee waten muss. Abendliche Stille hüllt die Gebäude ein, und ich zweifle schon, ob die Bahn überhaupt noch fährt. Andernfalls müsste ich in der einsetzenden Dunkelheit und mit nur wenig zusätzlicher Kleidung noch 800Hm nach Sedrun absteigen. Würde auch gehen, möchte ich jedoch vermeiden. Immerhin öffnen sich in der Station Schiebetüre und Schranke, und kurz vor der Abfahrtszeit steigt auch noch die Küchencrew zu. Im letzten Licht erreiche ich das Bahnhofsbuffet Sedrun, wo ich mich aufwärme, bevor mich die RhB zurück nach Dieni schaukeln.
Am nächsten Tag lasse ich die Pistenrutscherei früher bleiben und mache mich mit dem Bus direkt auf nach Mumpé Tujetsch. Es gibt jetzt nämlich Halbstundentakt, jawohl! (Ein Hoch auf das öV-Land Schweiz!) Der Weg ins Dörfchen hoch liegt noch im Schatten, und es ist bitter kalt. Umso mehr, als eine Nebelschlange durch das Tal emporkriecht. Oben empfängt die Sonne, und sie begleitet mich auch während des weiteren Aufstiegs. Das Südgrätlein auf den Piz las Palas ist immer noch gleich hübsch, und zudem erwartet mich im geöffneten Restaurant meine Familie, und wir geniessen gemeinsam die Wärme und die Aussicht über das Nebelmeer. Später nehme ich noch den Winterwanderweg hinüber nach Gendusas im Skigebiet Disentis unter die Füsse, von wo ich mit der Sessel- und Gondelbahn hinunter fahre. Nach einem kurzen Zwischenstopp zum Einkaufen schaukelt mich auch heute die RhB zurück nachhause.
Am dritten Tag suche ich etwas Abwechslung und steige weiter ins Val Mila hinauf, bis die neue Skitourenroute zum Caschlé abzweigt. Erstens wollte ich sie schon länger einmal im Winter inspizieren, und zweitens scheint mir der erste Teil des Südgrats derzeit begehbar. Aufgrund der schattigen Lage ist der Aufstieg aus dem Tal jedoch stärker eingeschneit, als erwartet, was zu einem mühseligen Zickzack von einer aperen Insel zur nächsten führt. Weiter oben trägt die Schneedecke dann immerhin — zumindest meistens. So früh wie möglich quere ich zum Grat hinüber, der jedoch ebenfalls grössere Schneefelder trägt als von unten ersichtlich. Nur in der steilen Westflanke ist er wirklich aper, und so wird das ganze ein anregendes Unterfangen, gewürzt mit einigen Kraxeleinlagen. Schon auf 2300m lasse ich es dann aber gut sein, denn das Tageslicht beginnt zur Neige zu gehen, und den steilen obersten Teil des Abstiegs möchte ich nicht schon im Schatten bewältigen müssen. Im schattigen Val Mila empfängt mich strenge Kälte, und auch unten im Haupttal ist die Wärme des Tages verschwunden. — Wenig erreicht und trotzdem ein gutes Erlebnis. Was will man mehr?
Da capo al fine! Schon am nächsten Tag geht es mit dem Bus bis nach Segnas, wo sich die Haltestelle direkt im Dorf befindet, im Gegensatz zur Bahnstation, die bei der Strasse unten liegt. Man erreicht direkt den Fuss des Ostgrats des Piz Plaun Grond und folgt ihm durch einen wunderschönen Wald und über Weidegelände zu den Hütten von Barschauns. Der Weiterweg ist bekannt und auch noch gleich schön wie in den Tagen zuvor. Ein Schäumchen Neuschnee hat im oberen Teil die Spuren zum Teil zugedeckt, sodass etwas Entdeckergefühl aufkommt. Oben angelangt gibt es Kaffee und Kuchen, bevor uns die Gondel ins Dorf hinunter und die RhB zurück nach Dieni schaukelt.
Unerwartet prächtige Trail-Tage gehen damit zu Ende, und ich wäre nun bereit für eine gute Ladung Winter. Hopp Schnee!


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