Krachen tut es in der Route durch die Nordwand des Pilatus bei den aktuellen Verhältnissen glücklicherweise nicht. Nach ergiebigen Schneefällen herrschten während der letzten beiden Wochen Hochdruckwetter, wo die Schneeschicht über Nacht auskaltete und tagsüber nur wenig auftaute. Bis es mir in den Kram passt, haben sich diese perfekten Verhältnisse leider schon fast wieder verabschiedet. Eine Niederschlagsfront bringt Bewölkung, welche die nächtliche Abstrahlung verhindert. Immerhin wird es aber deutlich kühler, sodass die Verhältnisse noch genügend sicher sein sollten für diesen Klassiker.
Für Luzerner Alpinisten sind diese Routen wohl Ehrensache, für mich hingegen ist es komplettes Neuland. So sehr ich mich in die Beschreibungen vertiefe, ergibt sich doch kein kohärentes Bild. Hingehen und schauen! Allzu kompliziert kann es ja nicht sein. Nach der langen Schönwetterphase ist die Route sicher gespurt. Die aktuellen Verhältnisse versprechen eine eher wenig harte Schneedecke mit ein wenig Neuschnee oben drauf. Das sollte alles passen.
Den Zustieg wähle ich von Hergiswil a.S. aus, wo mich die Eisenbahn schon frühmorgens hinbringt. Am Mittag muss ich von zuhause losfahren können, damit ich am Nachmittag pünktlich bei der Arbeit bin. Dieser Anmarsch erstreckt sich über rund 2.5 km Luftlinie, wohingegen der übliche Weg von Kriens her etwa doppelt so weit ist und sinnvollerweise mit dem Velo zurückgelegt wird. Zudem erwarte ich im ostseitig exponierten Weidegelände weniger Altschnee als im schattigen Chrienser Hohwald.
Es ist noch dunkel, als ich wenig über dem Vierwaldstättersee aus dem Zug steige. Eine gute halbe Stunde später bin ich bei der Tal- und nochmals soviel später bei der Bergstation der Lufsteilbahn zur Alpgschwänd. Wie es der Name sagt wurde hier einst der Wald gerodet, und der Weg führt mehrheitlich über offenes Wiesengelände. Darüber ändert sich das Bild deutlich. Zuerst geht es steil durch Bergwald hoch, bevor die Treichenmatte gequert wird. Diese ist von etlichen steilen Runsen durchzogen, die mit Lawinenschnee gefüllt sind. Steigeisen sind noch nicht notwendig, ein Pickel in der Hand hingegen schon. Als ich auf einer Umgehungsvariante durch lichtes Gestrüpp den Spuren folge, liegt plötzlich eine unversehrte Banane vor meinen Füssen. Vermutlich ist sie kürzlich aus einem Rucksack gefallen, und ich nehme sie dankbar als Abwechslung zu meinem Proviant.
Im unteren Teil des Nauens ist dann der Moment für Znüni, Steigeisen und Helm. Das Gemäuer der Rosegg-Nordwand steht eindrücklich über mir, ohne jedoch eine furchteinflössende Nordwandatmosphäre zu verströmen. Finster ist nur der bewölkte Himmel, die Felsfluh hingegen ist hell und trocken, und ich verspüre Neugier, wo sich der eigentliche Einstieg in den Kulmchrachen verbirgt. Hinter einem Felsschild zieht sich dieser diagonal nach rechts hoch und windet sich dann zunehmend gegen links. Der Aufstieg steilt sich in der Folge unmerklich auf, bis ich beschliesse, dass zwei Pickel durchaus angebracht sind. Die Spur ist teilweise zugedeckt, und meine halbsteifen Leichtschuhe sind nur bedingt für harte Verhältnisse geeignet. Stellenweise gibt es durchaus solche, aber insgesamt befindet sich alles auf der gutmütigen Seite.
Der Aufstieg zur ersten Querung auf ca. 1900 ist ebenso unproblematisch wie die Querung rechts hinaus zum Routenbuch selber. Der Schnee ist griffig und fest. Darüber erblickt man zum ersten Mal die Installationen auf dem Pilatus Kulm. Rund hundert Höhenmeter später entscheide ich mich für die linke, die zum Sattel östlich des Esels leitet. Das vielzitierte Kriechband lässt sich diesmal aufrechten Ganges bewältigen, weil sich die Pickel sehr sicher in der kompakten Schneeauflage versenken lassen. Mit den letzten Spreizschritten erreicht man wieder den eigentlichen Kulmchrachen und folgt dem Firn bis in den Sattel. Die Wächte ist schon soweit abgetragen, dass das Übersteigen keine Probleme bereitet.
In einer Beschreibung wird im Zusammenhang mit dieser Variante gewarnt: “Nur gut bei guter Firnlage und wenn Sonne noch nicht da!”. Ehrlich gesagt, halte ich dies im Moment für etwas übertrieben, denn der letzte Aufstieg liegt noch lange Zeit im Schatten des Rosegg. Den mehrheitlich südseitig ausgerichtet Aufstieg auf den Esel kenne ich vom Sommer und habe ihn als unproblematisch in Erinnerung. Eine kurze Querung ums Eck bringt einen in die Rinne mit den (Militär-)Installationen und ist praktisch aper. Also Steigeisen weg, Pickel aufgepackt und locker zum Gipfel hoch. Vorsichtshalber doch noch den Alupickel hinter den Rücken stecken. Man weiss ja nie!
Frohgemut kraxle ich los und stehe alsbald beim ersten grossen Bullauge. Dort ist die Rinne dich mit Schnee gefüllt, der nun wirklich sehr weich ist. (Wie war das genau mit der Warnung?!) Nicht mehr ganz SUVA-konform pflüge ich mich durch den Steilpflotsch und folge rechts dem trockenen Fels. Eine kurze Boulderstelle über den nächsten Aufschwung hoch leitet zum Wandbuch. Rechts raus und dann über gut gestuftes Fels- und Schrofengelände auf den Gipfel. Durchaus exponiert, aber nicht weiter schwierig. — Denkste! In dieser ostseitigen Exposition ist der Schnee gerade nicht weggeschmolzen, sondern ist zu einer kompakten Eisschicht gefroren, welche unter einer dünnen Schneeschicht liegt. Mit einem ganz leichten Anflug von Panik beginne ich, die Eisblattern wegzuhacken. Möglichst sachte, damit ich die Balance nicht verliere, den hinter mit gähnen einige hundert Meter Abgrund. Diese Aktion liegt definitiv im dunkelorangen Bereich, und das 20 Meter unter dem Gipfel!
Oben angekommen sprinte ich zum Kulm hinunter, verpasse die Gondel aber trotzdem um zwei Minuten. Bis zur nächsten reicht es deshalb für einen Kaffee, bevor ich 40 Minuten lang nach Kriens hinunter gondle. Gerade rechtzeitig komme ich zuhause an, um eine Viertelstunde später mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. Auf der Fahrt hole ich ein bisschen Schlaf nach, bevor ich halbwegs ausgeruht und vollständig erfüllt von einem grossartigen Erlebnis bereitstehe.


Schreibe einen Kommentar