2026-04-18/19 Medel

Frühling kontra Winter lautet die Affiche, und es steht noch unentschieden — gleich wie im Playoff-Final der Eishockeymeisterschaft. Allerdings gerät der Traditionsmeister langsam ins Wanken, und der auch nicht mehr unerfahrene Herausforderer stellt eine zunehmende Bedrohung dar. So präsentiert sich die Ausgangslage, und mit jedem Anlauf kommen neue Varianten und Spielzüge in Betracht, sowohl in der Tourenplanung als auch im Eishockeyring.

Der langgezogene Normalanstieg zur Medelserhütte ist mit Skiern an den Füssen vor allem lang. Ursprüngliche hatte ich beabsichtigt, von Fuorns her einen Seitenangriff über den Piz Ault zu lancieren, und direkt in die Mittelzone des Val Plattas vorzustossen. Erkundungen bei mehreren Quellen zur Lage auf der weissen Spielfläche zeugten von hartnäckigen Angriffen des Gegners: Schneearme Verhältnisse auf der Lukmanierseite und vermutlich auch auf der Medelserseite. Als der Wetterbericht sich auf schlechtes Wetter für den den zweiten Tag einpendelte, fällte ich am Vorabend den Entscheid, das Spiel sauber von ganz hinten aufzubauen.

Von Curaglia aus konnte man noch 200 Hm bis zur Kurve bei P.1521 hochfahren. Von dort geht es über vier Kilometer und 500 Hm bis zur Mittellinie zuhinterst im Val Plattas. Die Wetter- und Schneeverhältnisse präsentierten sich prächtig, und so war es naheliegend, diesen schönen Tag zu nutzen, bevor das schlechte Wetter einziehen würde. Über Davos la Buora peilte ich den Ostsattel zwischen Piz Medel und Fil Liung an. Insgesamt wurde es ein Flügellauf über weitere 4 km und mehr als 1’000 Hm, was sich mit der Zeit deutlich bemerkbar machte. Immerhin waren die Temperaturen angenehm frisch, und es war zu erwarten, dass der Schnee in den Ostnordosthänge zum Lavazgletscher hinunter noch gut tragfähig sein würde.

Vor dem Tor zur Abfahrt fragte ich mich, wie wir wohl den Weg durch die Hindernisse im unteren Teil finden würden, denn auf der Karte sieht es nur schlecht durchgängig aus. Die Ostabfahrt hat zurecht einen grossen Namen. Oben homogen steil, wird versperrt unten Fels von Torhüter den Weg ins offene. Heute wurde sie ihrem Ruf rundum gerecht. In bestem Firn kurvten wir 600 Hm hinunter. Mit einem langen Pass öffneten wir das Feld, wechselten mit einem Flip-Pass hinüber zur anderen Seite, spielten kurz hinüber in eine Rinne, dribbelten mühelos wieder zurück ins Zentrum und stiessen schliesslich mitten in den freien Talkessel. So fühlt sich das perfekte Spiel an! Auf der Ehrenrunde carvten wir in weiten Schwüngen genüsslich eineinhalb Kilometer talauswärts, und über uns strahlte der Himmel mit unseren Gesichtern um die Wette.

Nach der Entscheidung war der Rest des Spiels nur noch Pflicht. Allerdings zehrten die 300 Hm im Aufstieg nochmals an den Kräften, und auf der Hütte kamen noch gefühlte hundert Höhenmeter Treppensteigen hinauf und hinab dazu, sodass bis zuletzt sicher 2’000 Hm zusammenkamen. Müdigkeit, Durst und Hunger mischten sich zur Euphorie, sodass ich abends bei der Fernsehübertragung vorzeitig einschlief und verpasste, wie Fribourg gegen Davos gewann. War das schon die Vorentscheidung gewesen, oder würde sich das Blatt wieder wenden?

Es galt, das Prinzip Hoffnung zu aktivieren, als am nächsten Morgen tatsächlich Wolken aufzogen. Vielleicht würde ja der eiligst eingeflogene Zusatzspieler namens Föhn einen entscheidenden Einfluss auf das Geschehen nehmen. Zumindest im ersten Drittel war das jedoch definitiv nicht der Fall, denn der Gegner blies von Norden her eine Angriffswelle um die andere heran, und die Lage verdüsterte sich zusehend. Eingehüllt in dichte Wolken wurde die Sicht trüber, vor allem als es noch zu schneien begann. Zum Piz Medel würden wir bestimmt gelangen, dessen war ich mir sicher. Allerdings wäre eine Gipfelbesteigung bei starkem Wind ein ungemütliches Unterfangen.

Unverdrossen stapften wir weiter und trotzten allen Angriffen. Im Mitteldrittel kamen tatsächlich neue Inputs von unserem neuen Mitspieler. Urplötzlich verspürten wir Aufwind und bewegten uns unverhofft wieder unter blauem Himmel im Sonnenschein. Kurz schien die Mühelosigkeit des Vortags zurückzukehren, und die Beine bewegten sich einen Tick leichter. Endlich stand auch der Gipfelhang direkt von uns in der Sonne. Durch Pulverschnee zog eine steile Aufstiegsspur hoch. Allerdings erwachte alsbald schon wieder heftige Gegenwehr, und der Himmel verhüllte sich erneut mit dichtem Gewölk. Noch etwas geschwächt vom Abnützungskampf am Vortag konnten wir das Tempo unseres Verstärkungsspielers nicht mitgehen und verpassten seine Steilvorlage. Mit frischen Beinen hätten wir sie ganz bestimmt nutzen können, so aber kämpften wir uns zuoberst im dichten Nebel den Gipfelhang hinauf, die Skier geschultert. Am Gipfelgrat angekommen, fing es wieder an zu schneien, und die Besteigung mutete recht abenteuerlich an. Glücklicherweise hatte es eine recht gute Spur, und der Wind blies nur wenig. Dennoch, dieser Treffer ging an den Gegner.

Einen 1:0-Rückstand aufzuholen ist sicher möglich, aber wir schafften im Schlussdrittel den Turn-Around nicht mehr. Allzu ungleich waren die Kräfteverhältnisse. Bei der Abfahrt über den Gipfelhang stürzten wir uns durch dichteste Nebelwatte ins steile Weiss, und auch der Wechsel hinüber in den westlichen Gletscherkessel erfolgte im kompletten Blindflug. Diese Abfahrt ist alles andere als trivial, und ich war froh, dass sie mir auf Anhieb ziemlich perfekt gelang. Trotzdem war die beständige Gegenwehr recht auslaugend, sodass die ersten Schwünge unter der Nebelgrenze noch eher zaghaft ausfielen. Mit zunehmender Distanz liessen sich die weiten Hänge auf perfekter Unterlage jedoch rundum geniessen, und die steile Abfahrt hinunter ins Val Plattas war fast so schön wie die Ostabfahrt am Vortag, nur halt viel kürzer.

Kurzen Prozess machte der Gegner dann allerdings auf 2100 Hm, wo der Schnee schlagartig in die Kategorie Kartoffelstock (leimig geschlagen) wechselte. Glücklicherweise war die Spur über die weite Ebene der Alp Sura von der Nacht leicht ausgehärtet und trug noch ein wenig, sodass die befürchtete Sumpfwanderung ausblieb. Erstaunlich schnell waren wir im Tal, wo uns der Frühling mit siegesgewissem Lachen erwartete.

Man kauft sich nicht viel mit dem Wissen, in einem Spiel gut gekämpft, aber dennoch nicht gewonnen zu haben. Die Gewissheit aber, entscheidende Schritte gemacht zu haben, führt in einer langen Serie zum Titel. Am Ende dieser Saison waren wir die glücklichen Gewinner.

(Bilder tw. von Marcel und gotteron.ch)


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