2026-07-04 Krönten Ostkette

Lange schon auf meiner heimlichen Wunschliste mit dem Titel “Geht das wohl?” und sehr lang auch in der Tat: 28km plus 2800 Höhenmeter im Auf- und 3300 im Abstieg kamen bis zum Schluss zusammen. Vom Arnisee (1368) zum Sunniggrat (2034) und von dort wörtlich über alle Berge: Grossgand (2311), Ruchälplistock (2476), Jakobiger (2505), Leidsee (2271), Chapferplanggstock (2518), Ruchen (2628), Mäntliser (2875), Steinchälenfurggi (2657), Sunnig (2839), Chli Krönten-Lücke (~2750), Chli Krönten (2910), Krönten (3108), Kröntenlücke (2821). Wenn diese Liste lang daherkommt, dann passt das zum Gesamteindruck, und der blieb auch beim Abstieg erhalten: 15km weiter und über 2000Hm tiefer lagen das laaange Gornerental und der weiiite Abstieg nach Gurtnellen hinter mir. Der Aufstieg verläuft grösstenteils im technisch anspruchsvollen Gelände mit einigen schwierigen Passagen.

Nachdem ich eine Woche zuvor den Krönten via den Ostgrat des Chli Krönten bestiegen habe, wusste ich, dass ich diesen Teil der Ostkette problemlos allein meistern konnte. Der erste Teil bis zum Leidseepass ist weiss-blau-weiss markiert, und den hatte ich auch schon zweimal begangen. Dazwischen lag unbekanntes Terrain, und so war ich hocherfreut, dass “3614adrian” auf Hikr.org vor knapp zwei Jahren einen Tourenbericht über ebendiese Gesamtüberschreitung veröffentlicht hatte. Auf diese Inspiration geht auch die zurück, den Gipfel des Krönten über seinen richtigen Ostgrat zu besteigen.

Da ich meine Touren sehr gerne mit öV plane, fuhr ich am Vorabend mit der letzten Fahrt der Seilbahn von Intschi zum Arnisee hoch und stieg zur Sunniggrätlihütte auf, wo ich ausserordentlich freundlich empfangen und trotz fortgeschrittener Stunde noch bewirtet wurde. Erfreulicherweise hatte ich ein ganzes Lager für mich allein, sodass ich am frühen Morgen gut ausgeruht losgehen konnte. Die ersten Sonnenstrahlen erreichten mich am Fuss des Ruchälplistocks, vor den ersten Kraxelstellen. Schon am Vorabend hatte ein giftig kühles Lüftchen geweht, und heute war es nicht anders. Bei einer Sommerhitze von 30° und mehr in den Niederungen dürfte man sich eigentlich nicht über eine Abkühlung beklagen, aber darin lag auch der Grund, dass ich mich nicht auf besonders kühle Verhältnisse eingestellt hatte. Ausserdem hatte ich beim Packen die “go light, go right”-Strategie verfolgt.

Den Gipfel des Ruchälplistocks hatte ich bisher immer ausgelassen, heute aber wollte ich mir die Zeit nehmen. Dank der Ketten geht das viel einfacher, als es von weitem den Eindruck macht. Vom Gipfel aus überblickt man zum ersten Mal den gesamten Gratverlauf, wobei der Krönten weit hinten neben dem Mäntliser hervorguckt. Ein Spaziergang wird das nicht, soviel ist klar! Vorerst geht es aber immer noch auf gut ausgetretener Spur zum und auf den Jakobiger und wieder hinunter zum Leidseepass. Dort steige ich zum See ab, um meine Wasserreserven aufzufüllen, und gleichzeitig mein Zmorge zuzubereiten. Wieder oben raste ich kurz in der Sonne und stärke mich. Die Müeslikalorien werde ich heute nötig haben!

Den Chapferplanggstock gehe ich wohlweislich von Süden her an, mag der kompakte Fels in der Ostflanke noch so verlockend aussehen. Ich verlasse den Weg Richtung Leutschachhütte bei der breiten Rinne und kraxle zuerst über plattigen Fels und später über zunehmend steiler werdende Grasplanggen zum Gipfel. Alles im grünen Bereich, sozusagen. Zum Ruchen hinüber hat es einige Spuren und Steinmänner, und der hübsche Weiterweg über den Grat ist noch mit einigen Kletterstellen gewürzt.

Über dem Verbindungsgrat aber schwingt sich der Mäntliser 300m auf, und seine Flanke sieht wenig übersichtlich, dafür in der Mitte nach viel Bruch aus. Dort verläuft offenbar eine Nord/Süd-ausgerichtete Störzone, und über ihrem Grateinschnitt deutet heller Fels auf einen kürzlichen Felssturz hin. Je näher ich dorthin gelange, desto instabiler wird das Terrain. Autogrosse Brocken, von einer Staubschicht überzogen, liegen herum. Glücklicherweise ist die Lücke selber soweit stabil, auf beiden Seiten ziehen jedoch wüste Rüfenen hinunter.

Nach der Lücke wechselt man in die Nordflanke und folgt einer wenig ausgeprägten Gratkante — bei welcher es sich eigentlich um die Abbruchkante des Felssturzes handelt. Dahinter ist der Untergrund jedoch keinen Deut fester. Stellenweise bewegt sich das ganze Geröllkissen, auf dem man steht, talwärts und zwar mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Gratkante verdankt ihre Existenz der Tatsache, dass sie sich offensichtlich weniger schnell bewegt als der Rest hier oben, und so kralle ich mich an den Fels, so gut es geht.

Die ganze Flanke ist sehr unangenehm zu begehen, darüber aber erreicht man wieder im festen, stark verflechteten Erstfelder Gneis und erreicht ohne weitere Schwierigkeiten den Südostgipfel des Gwächten. Von dort aus erblickt man die zweite Hälfte des Aufstiegs über den Sunnig und auf den Krönten. Zum nahen Mäntliser ist eine tiefe Einsattelung zu überwinden, die sowohl im Ab- als auch im Aufstieg auf den ersten Blick gfürchig aussieht. Auf den zweiten Blick ist der Abstieg jedoch harmlos, und der Aufstieg entpuppt sich als wahre Plaisirkletterei in griffigem Fels.

Fette rote Punkte weisen den Weg vom Mäntliser hinunter zum Steinchälenfurggi. Es macht den Anschein, als könne man fast nicht falschgehen, aber der erste, offensichtliche Haken liegt im Wort “fast”, und der der zweite, weniger offensichtliche, in der Tatsache, dass die Wegfindung offenbar genügend kompliziert ist, um eine recht dichte Abfolge von Markierungen zu rechtfertigen. Prompt vertue ich mich und lande auf rund 2700 in der südseitigen Blumenwiese, von der kein Ausweg nach unten auszumachen ist. Stattdessen sollte man praktisch gar nicht auf die Südseite wechseln, sondern dort dem Gratverlauf folgen. Markierungen hat es auch einige, wie ich nach einer viertelstündigen Such- und Versuchaktion erkenne.

Der gesamte nordseitige Teil des Abstiegs bis zum Steinchälenfurggi ist mit dessen Zweitnamen Ruchpass treffend charakterisiert. Der Begriff passt auch zum nächsten Abstieg zur Chli Krönten-Lücke. Zunächst kommt aber der einfache Aufstieg auf den Ruchen und die anschliessende Überschreitung, bis man praktisch über der Lücke steht. Getrennt jedoch durch ein Felszahn, der senkrecht dorthin abbricht. Ich entschliesse mich, einem schwach ausgeprägten Band hinunter zu folgen, das die NW-Flanke durchzieht. Tatsächlich leitet es Meter für Meter näher zum Schneefeld an deren Fuss, und alle vermeintlich schwierigen Passagen lassen sich einfach und sicher lösen. So wähne ich mich schon fast unten, als auf den allerletzten Metern eine kompromisslose Kletterstelle im nackten, abgespaltenen Granit wartet. Diese Passage ist definitiv nicht mehr SUVA-konform.

Auch im Nachhinein betrachtet, bin ich nicht schlüssig, wo der beste Abstieg verläuft. Bis auf die letzte Boulderstelle war meine Variante einfach und sicher. Alternativ hatte ich mir überlegt, direkt vor dem Felszahn durch eine schlecht einsehbare und zunehmend steilere breite Rinne zu einer Schneezunge abzusteigen. Allerdings wartet unten ebenfalls ein glatter Felsgürtel, wo früher einmal ein Firnfeld war. Leider geben auch meine alten Photos keinen weiteren Aufschluss. Sicher aber wäre es einfacher von unten her aufzusteigen.

Trotzdem erreiche ich wohlbehalten den Beginn des Ostgrats vom Chli Krönten. Technisch kommt nichts Schwierigeres mehr auf mich zu, und so kann ich die Kletterei in bestem Fels geniessen. Bald ist das Schneefeld unter dem Kröntengipfel erreicht, und ich kann meine Wasservorräte wieder auffüllen. Anstatt nun zum Westgrat hinüber zu queren, steige ich durch die Flanke zum Ostgrat hoch, sobald es geht. Das Terrain ist weniger brüchig, als erwartet, und auf der Gratkante ziemlich fest. Das gilt genau bis zum Gesteinswechsel auf ungefähr 3000m. Darüber sieht es aus wie in der Geschirrabteilung der IKEA nach einem Erdbeben. Aus einem Scherbenhaufen ragen noch die Gerippe von nur halbversehrten Tellerstapeln, die jedoch auch keinen stabilen Eindruck machen. Dunkle Schluchten führen zwischen diesen Türmen durch, und es ist nicht klar, welcher Weg der richtige ist. Durch den Splitterschutt watend, arbeite ich mich tendenziell nach rechts und oben hoch, werde es jedoch unter allen Umständen vermeiden, zu weit in die Nordflanke hinaus zu queren. Die Szenerie dort hätte Antonio Gaudi Inspiration für seine Sagrade Familia sein können. Gestufte Türmchen und Spitzchen im Zuckerbäckerstil stehen dort frei herum und gaukeln einen einfachen Aufstieg vor. Mit äusserster Vorsicht erklimme ich tatsächlich einige der weniger filigranen davon, um endlich auf dem Gipfelplateau auszusteigen.

Leider aber ist es nicht der Haupt-, sondern der 30m östlich liegende Nebengipfel. Zwischen den beiden verläuft eine tiefe Schlucht, die senkrecht in die Nordflanke abstürzt. Um einem ebensolchen Schicksal zu entgehen, sollte man sich fürs Abklettern einen guten Plan zurechtlegen. Es ist weniger schwierig, als es zuerst gfürchig ausgehen hat. Wirklich einfach ist es jedoch nicht, und Fehler darf man sich keinen erlauben. Danach ist der Weg jedoch frei für den Hauptgipfel, auf den ich mich auch einmal durch den Körperriss hindurch zwängen will. Nach über acht Stunden kann ich endlich die Rundumsicht auf dem Krönten geniessen.

Oder könnte. Denn vor mir liegt noch ein langer Abstieg, und deshalb halte ich mich nicht lange auf dem Gipfel auf. Auf der Nordseite geht es sehr einfach vom Gipfelkopf runter, aber danach werweisse ich wie schon zuvor, was wohl der beste Abstieg durch die Schuttrinne hinunter ist. Obwohl ich die Situation zuvor schon von unten betrachtet hatte, fällt mir nichts Besseres ein, als im Gebrösel unter einem Klemmblock durch zu tunneln. Rechts davon wäre ein wenig steiles Wändchen zu bezwingen, das von unten recht einfach aussieht, von oben jedoch schlecht einsehbar ist.

Über den Westgrat hinunter “cruise” ich richtiggehend dem kurvigen Weglein im Schutt entlang. Extraleichte Packung ist halt wirklich toll. Weniger toll sieht der Abstieg von der Kröntenlücke nach Süden aus. Zwar hat es noch teilweise Schnee, doch ist dieser schon sehr weich, und die Steilheit lädt nicht zu Rutschversuchen ein. Deshalb taste ich mich über die Felsen hinunter, was wirklich sehr unangenehm ist. Diese Passage ist technisch weniger anspruchsvoll als der Abstieg vom Sunnig, aber nicht viel weniger heikel. Auch das Schneefeld darunter lässt sich nicht einfach hinuntersurfen, denn es ist recht steil, und zudem ist der Schnee gut verfirnt und nur oberflächlich weich.

Es braucht noch etwas Konzentration, bis ich es endlich sausen lassen kann. Dann aber gleite ich über den Sassfirn hinunter und lege an dessen Ende eine Rast ein. Der gegenüberliegende Saaspass sieht richtig ungemütlich aus: Wegspuren lassen sich keine erkennen, und es hat zuoberst noch recht viel Schnee. Deshalb lasse ich meinen Plan fallen, via Kaffeehalt bei der Leutschachhütte zum Arnisee zurückzukehren. Gemäss nachträglicher Auskunft von der Hütte wurde der Pass übrigens in den letzten Wochen schon überschritten. Stabileres Schuhwerk als meine Trailschuhe würde ich aber dringendst anraten.

Stattdessen also am Sassselli vorbei und durchs Gornerental raustraben. Der Pfad ist erfreulich gut ersichtlich, und dank leichter Ausrüstung lassen sich auch die verbleibenden 12 km mehrheitlich im Laufschritt zurücklegen. Ansonsten wäre es unerträglich langer Hatsch. Ich bin immer wieder überrascht, wie verlassen die Seitentäler in den Urner Alpen sind. Mitten in der Zentralschweiz, zwischen Engelberg/Titlis und Gotthardautobahn liegen hier wunderbar einsame Gegenden, die zu entdecken sich lohnt. Im Abstieg ist mein Ziel, mich in einem Restaurant in Gurtnellen Dorf zu erfrischen, und die 200Hm bis zur Gotthardreuss zu vermeiden. Da meine Internetsuche fälschlicherweise nur das Speiserestaurant Im Feld ergibt, wo ich mit meiner abgezehrten Kluft nicht zu den 15 Gault&Millau-Punkten passe, nicht aber das Gasthaus Bergheim, wo es bestimmt ein kühles Getränk gegeben hätte, werden es dann halt doch insgesamt 3300Hm Abstieg. Den Bus verpasse ich um exakt drei Minuten, was mir genau 57 Minuten Zeit gibt für Autostopp. Dieser verläuft ausserordentlich erfolgreich, und ich kann mit verschiedenen interessanten Menschen bis nach Horw mitfahren. Für den Rest schaukeln mich LSE und SBB nach Hause.

Mit dieser Überschreitung ist ein mir ein lange gehegter Traum in Erfüllung gegangen. Möglich war das nur, weil überhaupt keine Gewitter drohten. Immerhin wäre es an an verschiedenen Stellen möglich gewesen, die Tour abzubrechen. So aber war es ein grossartiges Abenteuer an einem perfekten Tag. Der mühsamste Teil folgt dann am nächsten Tag mit der Erholung, die sich wie ein unspezifischer Krankheitszustand äussert. Während der Tour war ich voll fokussiert und zielgerichtet, nun hänge ich halblebendig herum und versuche, den Magen mit unsüssen Lebensmittel wieder in Betrieb zu nehmen. Die Nachwehen lassen allerdings erstaunlich schnell nach, und schon am übernächsten Tag kann ich an einer leichten Joggingtour teilnehmen. Hyperlight forever!

PS: Die Photos sind mit einer Insta360 Go3s aufgenommen. Das Gerätchen ist klein und praktisch, die zugehörige Software jedoch unterirdisch, was den Export der Dateien betrifft. Die Bilder werden mit dem Zeitpunkt des Exports versehen, und jegliche EXIF-Information wurde gelöscht. Eine klare NICHT-Empfehlung, falls sich jemand für das Gerät interessiert!

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Hoi! Dein Interesse freut mich sehr, und ich würde mich ebenso sehr über einen kurzen Kommentar freuen. Ich investiere viel Zeit und Aufwand in diese Site und frage mich manchmal, ob die Inhalte überhaupt gelesen werden. Kommentare gebe ich manuell frei mit Angabe der Initialen (auf Wunsch auch anonym), und ich veröffentliche niemals Kontaktangaben. Diese ganze Site ist vollständig werbefrei, und es werden keinerlei Personendaten aufgezeichnet, die über das rein technisch Notwendige hinausgehen würde. Danke fürs Vertrauen und viele schöne Touren! Falls du selber derartige Touren erleben möchtest, dann melde dich gerne. Stefan

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