2026-07-12 Piz Cavardiras Südgrat

Solo am Südgrat — wie kommt es? Meine letzten grossen Solotouren liegen doch schon Jahrzehnte zurück, und überhaupt habe ich fürs reine Felsklettern viel zu wenig Zeit. Zwar verbringen wir seit Jahren im Sommer Familienferien im Wald von Fontainebleau, und nach zwei Wochen bouldern habe ich jeweils das Gefühl, ich wüsste wieder, wie es gehe. Motiviert nehme ich mir daraufhin einige schöne Klettertouren für den Herbst vor, aber meistens ist der Winter dann doch schneller. Aufs neue Jahr hin fasse ich jeweils den guten Vorsatz, etwas mehr ins Krafttraining zu investieren, um dann in Fontainebleau nicht wieder bei null zu beginnen. Leider verflüchtigt sich auch dies schneller, als der Schnee schmilzt, und so grüsst mich das Murmeltier jedes Jahr wieder aufs neue, wenn es auf den Sommer zugeht.

Aber natürlich vergisst auch ein alter Kater nicht, wie das Mausen geht. In all den Jahren habe ich mich immer wieder mit den neuesten Entwicklungen bei der Selbstsicherung im Vorstieg beschäftigt. In den 90er Jahren war der Soloist von Wren Industries der beste Kompromiss zwischen Sicherheit und Erschwinglichkeit. Zuvor hatte ich auch einen schon fix eingebundenen Mastwurf mit genügend Schlappseil bis zum nächsten Haken verwendet. Weil Haken oftmals an den schwierigen Stellen plaziert sind, war diese Technik jedoch psychisch arg limitierend, denn die Sturzlänge ist damit in jedem Fall mindestens beträchtlich. Zudem braucht man eher zwei als nur eine Hand, um einen Mastwurfknoten zu verlängern. So lassen sich nur einfachere Routen absichern.

Den Soloist bestellte ich damals in den USA, was zu Zeiten vor dem Internet und entsprechendem Shopping für sich selber schon ein abenteuerliches Unterfangen war: Bestellung per Briefpost, Banküberweisung von der lokalen Filiale ins Ausland, Versand mit Luftfracht, Verzollung — und einige Wochen später war das Päcklein tatsächlich da. Das Nonplusultra wäre der Silent Partner vom selben Hersteller gewesen, der für mich jedoch unerschwinglich teuer war. Occasionsgeräte werden noch heute für weit über tausend Franken gehandelt! Der Soloist ist ein einfacheres Gerät mit fast demselben Sicherheitsspektrum, weist jedoch einen entscheidenden Nachteil auf. Nämlich blockiert er nicht bei einem Sturz kopfüber. In einem solchen Fall würde man ungebremst stürzen bis zum nächsten Blockierungsknoten, den man hoffentlich gemacht hatte. Selbstverständlich will man derartige Stürze generell vermeiden, aber kann man es wirklich garantieren?! Die Verunsicherung kletterte stets mit, und tatsächlich rutschten mir in der Niedermann-Route an der Grauen Wand tatsächlich einmal die Füsse weg, als ich eine offene Verschneidung hochpiazte. Irgendwie richtete sich mein Körper von selber wieder aufrecht, aber bis dorthin hatte ich schon einen rechten Sturz hingelegt.

Später liess ich die Solokletterei bleiben und widmete mich mehr dem alpinen Bergsteigen. In dieser Zeit kam das Grigri von Petzls als Sicherungsgerät auf, das mit leichter Modifikation auch zur Selbstsicherung im Vorstieg taugte, auch wenn es dasselbe Manko aufweist wie der Soloist. Selber probierte ich das jedoch nie aus. Als Wild Country vor einigen Jahren das Revo auf den Markt brachte, war ich aber sofort Feuer und Flamme. Soweit ich es verstanden habe, ist es das erschwingliche Äquivalent des Silent Partners, einfach 30 Jahre später. Auch wenn ich keine konkreten Pläne oder auch nur Vorstellungen von Solotouren hatte, schaffte ich es mir gleich an und setzte mich damit auseinander. Alles nur in der Theorie, wohlverstanden, denn mit Soloklettern hatte ich abgeschlossen. Eigentlich.

2026 ist das Jahr des trockensten Sommers seit Jahrzehnten oder noch länger. Der Wald von Fontainebleau wurde von einem verheerenden Waldbrand in Asche gelegt, und die Kletterfelsen dabei vielleicht in Schutt, wer weiss? Meine Frau und ich machen uns deshalb für unsere Sommerfrische auf ins Tavetsch. Vorsorglich packe ich alles Mögliche an Bergsportmaterial ein: Helm, leicht Steigeisen und Pickel, Bergschuhe, Kletterseil, RapLine, Klettergurt, Sicherungsmaterial, Kletterfinken, Trailzeug, Biwakzelt, Matten und Schlafsäcke, Kochzeug und so weiter und so fort. Wir wollen schauen, was geht und vor Ort entscheiden können. Ich hatte einige Tourenpläne im Kopf und beim Überlegen kam mir auch der Südgrat am Piz Cavardiras in den Sinn. Einmal geklettert vor gut 15 Jahren und nicht wirklich schwierig in Erinnerung. Vielleicht wäre das etwas? Oder vielleicht wäre es doch etwas zu anspruchsvoll für uns beide. Aber dann vielleicht … — So legte ich das Revo auch noch zu den Sachen.

Erster Tag, wunderbares Sommerwetter. Etwas ausgeschlafen, und im Lauf des Morgens für eine kürzere Tour auf den Piz Gendusas entschieden. Angenehm warm, aber nicht heiss, weil ein feines Lüftlein weht. Lieblicher Weg bei den Seelein von Gendusas Dadens, als plötzlich meine Künste als Bandagist gefragt sind. Barfusslaufen und Umherschauen ist keine gute Kombination, wenn grobe Felsblöcke im Weg sind. Fussnagel nach hinten umgebogen, viel Blut und Schmerzen. Erstaunlicherweise kann sie im Schuh weitergehen, und wir erreichen tatsächlich auch den Gipfel, jedoch sind in den folgenden Tagen keine anspruchsvollen Touren möglich.

Zwei Tage später ist das perfekte Bergwetter angekündigt. Keine Wolken und null Gewittergefahr. Es wäre schade, diesen Tag ungenutzt zu lassen. — Könnte ich nicht solo über den Südgrat klettern? Sicher bräuchte ich mehr Zeit als eine Zweierseilschaft, aber es sollte machbar sein. Lange muss ich nicht überlegen. Am Vorabend biwakieren wir in der Nähe des Lag Serein und geniessen einen lauen Sommerabend mit Panoramablick zur Medelsergruppe. Eigentlich wollte ich versuchen, den gesamten Rücken vom Muota di Tir her zu überschreiten. Der untere Teil sieht nach unschwierigem Gehgelände aus, und ich verstehe nicht, weshalb es dazu keine Informationen gibt. Schliesslich schätze ich das Risiko als zu hoch ein, von einer tiefen, brüchigen Scharte aufgehalten zu werden. Stattdessen plane ich mit dem Normalzustieg direkt in die Lücke unmittelbar vor dem direkten Südgrat.

Des Nachts rufe ich mir die YouTube-Filme zum Soloklettern mit dem Revo in Erinnerung, um mir die Sicherungstechnik gedanklich nochmals zurechtzulegen. Früh am Morgen läuft neben mir hingegen die Online-Videoübertragung des Viertelfinals der Fussball-WM. Nachdem ich aus zweiter Hand das Ausscheiden der Schweizer Mannschaft mitbekommen habe, mache ich mich auf zu grösseren Taten. Vom Seelein weg folgt man dem Aufstieg zum Brunnipass. Ich zweige schon beim grossen Steinblock auf rund 2400 ab gegen den langen Ausläufer des Südgrats hin, denn ich will die verschiedenen Lücken im langgezogenen Südrücken begutachten. Schneller wäre es vermutlich, dem Weg weiter zu folgen und erst auf ca. 2500 über eine Rampe in den Südkessel vom Brichlig hochzusteigen. Diese Mulde ist mit den Hinterlassenschaften von zahllosen Felsstürzen und Steinschlägen angefüllt, die seit dem Verschwinden der Gletscher vor rund 15’000 Jahren die umliegenden Felswände bearbeitet haben. Deutlich ist der Rand des Kessels als Moränenwall zu erkennen, der vermutlich noch vor einigen Jahrzehnten einen Firnrest umfasste. Heute ist er praktisch aper und sieht wie ein wüster Steinbruch aus. Der Kontrast zur saftig grünen Rasenlandschaft weiter unten, die von munteren Bächlein durchzogen ist, könnte kaum grösser sein.

Hier wird es ernst. Nicht eigentlich die Szenerie, denn sie hat an diesem Morgen nichts Furchteinflössendes an sich. Hingegen wird mir schlagartig bewusst, was ich eigentlich vorhabe, und von welcher Grössenordnung die Anforderungen sein werden. Bis dorthin hatte ich das Gefühl, alles im Griff zu haben, auch wenn vieles an meiner Planung recht vage war. Kletterschwierigkeiten? Passt wohl. Sicherungstechnik? Funktioniert schon. Unvorhergesehenes? Vorzu schauen. — Aha. Vermutlich trifft das alles zu, aber es hat doch etwas gar viele “mal schauen”-Variablen drin. Mir war selber schon aufgefallen, wie ruhig ich die ganze Sache angegangen war. Von früher her war ich mir einen deutlich angeregteren Nervenzustand gewohnt. Nicht eigentlich angespannt, aber doch deutlich aktiver und vielleicht auch frischer im Denken und Fühlen. Woher diese Tiefenentspannung kam, konnte ich nicht ergründen, aber ich hatte sie als gutes Zeichen gedeutet. Nun aber ergriff mich die existenzielle Dimension meines Vorhabens für einen Moment. Wenn ich den Schwierigkeiten nicht gewachsen sein sollte, würde ich sofort tief im Schlamassel stecken und zwar ganz allein. Noch schlimmer, wenn ich einen Fehler machen würde. Dann wäre nur noch Rettung von aussen möglich, die ich selber herbeirufen müsste. Eine gravierende Verletzung und/oder Bewusstlosigkeit hätte vermutlich dramatische Konsequenzen. Zwar trage ich ein Satellitennotrufgerät auf mir, aber das müsste ich manuell bedienen. Im Nachhinein betrachtet wäre eine sog. Totmannschaltung vielleicht doch eine gute Sache.

Es dauert aber nicht lange, bis ich diese Gedanken vollständig einordnen und in ihrer Tragweite akzeptieren kann. Schliesslich sind sie mir seit Jahrzehnten wohl vertraut, auch wenn sie heute zum ersten Mal seit Jahren derart mächtig aus der Versenkung auftauchen. Genau diese Überlegungen bilden die Essenz des Solokletterns. Nichts Neues, und auch schon Dutzende von Malen durchgespielt. Eigentlich spielen sich alle meine Touren in diesem Bereich ab, wenn auch meistens weniger deutlich ausgeprägt. Hier nun zeigt sich die Gefahr messerscharf, und die Abschätzung des Risikos geschieht entlang einer feinen Linie. Mit zunehmender technischer Schwierigkeit wird die Sicherheitsmarge geringer, denn meine Reserven schwinden im oberen Bereich. Dorthin zu optimieren, macht den Reiz des Solokletterns im Fels aus. Deswegen bin ich hier, und das wusste ich die ganze Zeit, wenn es mir auch erst jetzt richtig bewusst wird.

Mit der Einstiegsvariante warten zwölf Seillängen, drei davon im Schwierigkeitsgrad 3, also Gehgelände. Das wird wohl nicht allzu lange dauern, denke ich mir. Wie man sich täuschen kann! Um acht Uhr klettere ich los, nachdem ich endlich den richtigen Einstieg gefunden habe, und mein Material schön gebündelt ist. Vom glatt geschliffenen Vorbau geht es durch eine Rinne hoch. Gleich zuunterst steckt ein Bohrhaken, was für mich essentiell ist, denn ich muss das Seil jeweils unten irgendwo verankern können. Danach schrubbe ich mich durch die Rissverschneidung hoch. Der Fels ist trocken und griffig, aber der Kaltstart und die nicht einfache Kletterei fordern mich stark. Ausserdem ist nicht alles ganz perfekt fest, und an mancher Stelle überprüfe ich die Griffe mehrfach. Die grösste Schwierigkeit stellt jedoch die Orientierung dar. Da die Linie nicht eindeutig ist, und die spärlichen Bohrhaken auf dem dunkelgrauen Fels nicht gut sichtbar sind, stehe ich immer mal wieder suchend da und halte nach der Fortsetzung Ausschau, denn einen Versteiger kann ich mir nicht leisten. Sehr hilfreich ist das korrigierte Topo auf Hikr.org von Alpin Rise, das ich während der ganzen Route immer wieder konsultiere.

Diese ersten Seillängen entwickeln sich zu einer sehr zeitaufwändigen Angelegenheit. Just als ich loslegte, stiegen drei Seilschaften vom Kessel aus über den Originalzustieg direkt in die Scharte hoch. Bis ich auf dem ersten Turm bin, haben sie nur schon netto zwei Seillängen Vorsprung, dazu noch keine einzige schwierigere Kletterei zurückgelegt. Ich sehe sie weit oben und später gar nicht mehr. Den Rest des Tages werde ich in splendider Einsamkeit unterwegs sein, “foot-loose and fancy-free”. Von leichtfüssigem Vorankommen kann aber nicht gross die Rede sein. Jede Seillänge muss doppelt geklettert werden: Einmal im Vorstieg, danach abseilen und dabei auf den Seilverlauf achten, damit der Nachstieg mit Rucksack sicher ohne grosse Pendelschwünge verläuft. Mit genügend Glück verhakt sich das Seil weder im ersten Aufstieg (das wäre sehr übel!), noch beim finalen Hochziehen. Obschon der Fels wunderbar fest ist, lädt seine verwitterte Oberfläche und die zerrissene Struktur geradezu ein für Seilverklemmer. Unten ist das weniger ein Problem, aber an der abschliessenden Gipfelwand habe ich mehrfach das Vergnügen, zwischendurch wieder abzuseilen. Logisch, dass ich so etwa die doppelte Zeit einer eingespielten Seilschaft benötige.

Glücklicherweise spielt das alles heute keine Rolle, denn das Wetter ist und bleibt perfekt. Blauer Himmel, wenig Wind und keine einzige Gewitterwolke weit und breit. So kann ich die Kletterei in vollen Zügen geniessen. Der Fels ist eisenfest, und die Kletterei schlicht der Hammer. Meine Erinnerungen sind recht vage und betreffen nur die zentralen Längen am dritten sowie die Querung am zweiten Turm. So ist nicht nur die Einstiegsvariante ein neues Abenteuer für mich, sondern eigentlich jede einzelne Seillänge. Ganz vergessen hatte ich auch, dass es insgesamt drei Abseilstellen gibt, die ziemlich ausgesetzt sind. Sich über einen Grat hoch zu arbeiten ist eine Sache für sich. Die Geborgenheit der Scharten, Nischen und Absätze zu verlassen, und sich frei in die Luft zu hängen, verlangt Überwindung. Danach ist jeweils eine mentale Neuorientierung gefragt, wenn es über steiles Gelände wieder hoch geht.

Mein Erinnerungsvermögen an Routendetails war noch nie gut. Meistens bin ich schon zufrieden, wenn ich mich daran erinnere ,eine Route schon einmal geklettert zu haben. Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne Leute, die sich Jahre später noch an einzelne Griffe und Tritte erinnern können. Bewundernswert! Immerhin habe ich ein Bilder des Königsstück dieser Route vor Augen, nämlich der Seillängen am dritten Turm. In meiner Erinnerung sticht das Goldbraun des riesigen Plattenturms hervor. Damals hatte ich diese Kletterei als schöne Herausforderung nehmen können, ebenso gut gesichert wie begleitet. Heute lässt mich der Anblick für einen Moment erstarren. Die Kompromisslosigkeit der Linie war mir nicht mehr bewusst gewesen. Steil zieht die linke Kante empor, dahinter viel Nichts und rechts davon der steile Plattenschuss. Weit oben zieht ein Felsriegel nach rechts. Ich versuche im Geist, die Züge entlang der Kante vorwegzunehmen und mir eine gute Strategie zurecht zu legen. Die Sicherung ist zweifelsohne gut, jedoch in keiner Weise übertrieben. Der Fels zeigt keine Schwachzonen, und die Schwierigkeiten sehen anhaltend aus.

Genau dafür bin ich hier. Diese Anforderungen stelle ich an mich selber. Nämlich nicht zu verzagen, auf mein Können zu vertrauen, und es auch zu zeigen. Meter für Meter arbeite ich mich hoch, versunken in die Aufgabe. Hochkonzentriert reihe ich Zug an Zug, lese die Strukturen im Fels, plane Bewegungen voraus, hänge Sicherungen ein, überwache den Seilverlauf und steige langsam höher. Die Kletterei an der Kante ist recht athletisch. Man bewegt sich oftmals auch dahinter, wo die Ausgesetztheit deutlich spürbar wird. Die Haken sind dort plaziert, wo es auch einen kleinen Absatz zum stehen gibt. Dazwischen muss zünftig geklettert werden. In mir wächst allergrösster Respekt vor den Erstbegehern H. Bernhard und P. Condrau. Im Jahr 1949 kletterte man mit Bergschuhen, und auf den Platten konnte man keine Bohrhaken setzen. Ausserdem waren die Kletterschwierigkeiten ja nicht bekannt. Welch ein Abenteuer das gewesen sein muss, und wieviel Können die beiden mitgebracht haben müssen!

Nach einer langen Vertikalen quert die Route unter einem Vorsprung nach rechts zu einem Stand auf einem schmalen Band. Eigentlich kann ich recht gut plattenklettern, und die Sicherung ist perfekt, aber der Wechsel zu Spreizbewegungen und schmalen Leistchen fällt mir nicht leicht. Die Spannung löst sich nur langsam aus meinem Körper, und fällt erst weg, als ich mich aufs Band hinüber ziehe. Puh, geschafft! Abseilend über den Quergang zurück, um die Haken für den Nachstieg einzuhängen, der Kante entlang hinunter zum Stand und dann das Ganze nochmals mit Rucksack. Auch diesmal zehrt die Ausgesetztheit an meinen Nerven. Danach hänge ich mitten im Niemandsland dieses Plattenturms mutterseelenallein an zwei Haken. Meine Füsse stehen auf einem Band, das kaum breiter als meine Hand ist, und darunter geht es ein paar hundert Meter über die Ostflanke hinab. Wie könnte man diese Ausgesetztheit aushalten, wenn man sie nicht eigentlich begehren würde?

In meiner Erinnerung folgt jetzt nur noch ein weiterer Quergang und dann ein leichter Ausstieg auf der rechten Seite. Die Realität hält zuvor aber noch den Aufstieg direkt über den Felsriegel bereit, der alles andere als trivial aussieht. Direkt vom Stand hoch ist es schon bis zum ersten Haken fusstechnisch nicht einfach, und darüber folgt ein etwas unübersichtlicher Verlauf entlang einer Lücke im Riegel. Hier heisst es nun richtig zupacken, und die Gedanken auf Felsstrukturen und Bewegungen fokussieren. Gleichzeitig die Bewegungen fliessen lassen und instinktiv die Griffe und Tritte finden. Entlang einer Rissspur hochschleichen, seitlich an Untergriffen balancieren, links ausbalancieren, oben eine seichte Vertiefung greifen, hochdrücken, Querleisten greifen, nachsteigen und tief durchatmen. Nach dieser Alzheimerlücke im geistigen Routenverlauf folgt tatsächlich die lange Querung gegen die rechte Kante hin. Ich hatte sie wenig schwierig in Erinnerung, denn Plattenkletterei liegt mir ja gut. Gegens Ende hin wird sie aber zunehmend diffiziler, und die letzten Züge stellen nochmals eine kleine Herausforderung dar. Danach hat es sich dann tatsächlich mit Schwierigkeiten, und es geht zum Stand hinter einem Einschnitt hoch. Dort sitzt man geborgen wie im Adlerhorst, und man möchte fast bleiben. Neben der Kante gähnt jedoch die tiefe Leere, und der Lunch steckt unten im Rucksack.

Also abseilen und hinüberqueren zum Stand, Material schultern und das Ganze nochmals. Dank meines phänomenal schlechten Erinnerungsvermögens ist der zweite Aufstieg jeweils keinen Deut einfacher als der erste. Das Zusatzgewicht auf dem Rücken hilft natürlich nicht, und stürzen will ich auch nicht. Endlich wieder im Sicheren angelangt, setze ich mich zum ersten Mal hin und mache Pause. Jetzt sollte es nicht mehr allzu weit sein und vor allem nicht mehr schwierig, meine ich mich zu erinnern. Im Nachhinein ist offensichtlich, dass diese Prognose völlig daneben geht. Im Moment aber erfreue ich mich an der Vorstellung, bald das Seil wegzulegen und auf den Gipfel hochzukraxeln.

Ein Blick ins Topo verrät, dass gleich unmittelbar die technisch schwierigste Passage folgt. Aha, wer hätte das gedacht! Tatsächlich handelt es sich um eine Boulderpassage über den ersten und einzigen Haken auf einem steilen Aufschwung. Auf der linken Seite wird er durch eine geschlossene Verschneidung begrenzt, die hinauf zu einer horizontalen Plattform leitet. Der Fels ist plattig und weist keine ausgeprägten Strukturen auf. Rechts geht es wieder einmal steil in die Tiefe, und ich frage mich, ob es nicht gescheiter wäre, die Stelle einfach A0 zu ziehen. Mein Ehrgeiz will es jedoch nicht bleiben lassen, und so schiebe ich mich Zentimeter um Zentimeter nach oben, bis ich an die Kante schnappen kann. Hat sich das jetzt gelohnt? Warum eigentlich auf Berge klettern, wenn man auch Seilbahn fahren könnte?

Kurz darauf die nächste Abseilstelle, diesmal eine räss überhängende. Eigentlich wäre doch jetzt bald einmal Gehgelände angesagt, oder nicht? Letzteres ist der Fall. Der Fels wechselt zu zerfressenen Strukturen und zackigen Bruchkanten. Trotzdem erinnert er irgendwie ans Eldorado am Grimsel. Nach einer interessanten Kletterstelle noch eine letzte Seillänge durch liebliches, gestuftes Gelände, und unvermittelt stehe ich auf einer Schulter, die den Blick übers ganze Tal freigibt. Bis zum Gipfel sind es noch einige Höhenmeter, und Gehgelände ist es durchaus nicht. Anregende Kraxelei führt zum höchsten Punkt. Der Nachmittag ist bald schon vorbei, und ich mache mich sogleich an den Abstieg. Vom Gipfel geht es über alpines Blockgelände zuerst hinüber zum Brichlig hinüber und dann nordseitig zu dessen W-Grat hinüber. Endlich erreiche ich die Lücke 2836, von wo eine Abseilpiste auf die Rasenterrasse in der Südflanke hinunter führt. Auf der breiten Plattenflucht kommt das Seil jeweils gut nach, und ich beginne mich zu entspannen. Natürlich verhakt es sich dann bei der zweitletzten Seillänge, wie könnte es auch anders sein? Glücklicherweise kann ich es irgendwie freischwingen und gelange schliesslich auf den Boden.

Endlich das Geschirr weglegen! Jetzt nur noch zum Brunnipass hinüber und dann auf dem Weg zum Lag Serein. Die letzte Bahn habe ich schon längst verpasst, und so werde ich insgesamt 1800 Hm Abstieg bis nach Disentis geniessen dürfen. Den untersten Teil des Westgrats umgehe ich in der Nordflanke. Der Fels ist dort von der instabileren Sorte. Man spürt deutlich, wie der Permafrost fehlt, der die Felsen einst zusammenhielt. So dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich zum Grateinschnitt hinunter getastet habe. Wenigstens kann ich von dort aus dem Weg folgen. Bloss ist der zuoberst steil und rutschig, weiter unten verläuft er über grobblockiges Moränengeröll, und bis hinunter zum Lag Serein ist nichts zu wollen mit flüssigem Laufen. Als ich dort ankomme, ist die Sonne schon untergegangen, und der direkte Abstieg ist mir im Dunkeln zu steil. Also im Laufschritt hinüber zur Caischavedra, wo ich im Finstern auf der Terrasse eine Pause einlege.

Das Zückerchen des Tages aber kommt erst noch! Ins Tal hinunter führt eine kompromisslos steile Geröllpiste, die mit müden Beinen und im Lampenschein eine echte Herausforderung ist. A propos Lampe: Aus unerfindlichen Gründen halten gewisse Fluginsekten das Licht für eine persönliche Einladung, mir in die Augen, Nase oder in die Ohren zu surren. Einziger Ausweg ist umschalten auf rotes Licht, was sich allerdings negativ auf die Sicht auswirkt. Auch das geht irgendwie vorüber, spätestens als ich die Waldstrasse erreiche. Zuunterst würde ich nach mehr als 16 Stunden Znterwegssein gerne über die Wiese abkürzen, aber dort bewachen zwei scharfe Herdenschutzhunde ihre Schafe. Die Bestien jagen mit wüstem Bellen auf mich zu und würden sich wohl auf mich stürzen und mich zerfleischen, trennte uns nicht ein schützender Zaun. Einen derartigen Schrecken hatte ich den ganzen Tag über nicht erlebt.


Hoi! Dein Interesse freut mich sehr, und ich würde mich ebenso sehr über einen kurzen Kommentar freuen. Ich investiere viel Zeit und Aufwand in diese Site und frage mich manchmal, ob die Inhalte überhaupt gelesen werden. Kommentare gebe ich manuell frei mit Angabe der Initialen (auf Wunsch auch anonym), und ich veröffentliche niemals Kontaktangaben. Diese ganze Site ist vollständig werbefrei, und es werden keinerlei Personendaten aufgezeichnet, die über das rein technisch Notwendige hinausgehen würde. Danke fürs Vertrauen und viele schöne Touren! Falls du selber derartige Touren erleben möchtest, dann melde dich gerne. Stefan

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