2026-07-22/23 Gimpel W-Kante, Rote Flüh SO-Wand

Mega-Klassiker darf die Gimpel W-Kante sicher genannt werden. Nicht schwierig, aber doch zünftige und teilweise ausgesetzte Kletterei bis zum IV. Grad mit zwei technischen Stellen und mit nur wenig Gehgelände. Im Gegensatz dazu steht die SO-Wand an der Roten Flüh etwas im Schatten der legendären Südverschneidung. Sie ist aber eine grossartige Unternehmung in den historischen Jagdgründen der Tannheimer Klettergeschichte und bietet klassische Kletterei über 300Hm durch Kaminverschneidungen. Kletterschwierigkeit VI+, gut abgesichert mit Klebeankern, jedoch alles andere als übertrieben abgesichert.

Eigentlich ist dieser Bericht nicht viel mehr als ein “me to”, denn die Klettereien sind an anderer Stelle schon sehr gut und ausführlich beschrieben (insbesondere lesenswert von Pat Schwarzmann auf allgaeu-plaisir.de resp. von Jan auf alpartig.com). Vor allem möchte ich meine Erinnerungen an die beiden Touren und meine Einschätzungen hier festhalten. Beide Touren hauchten mir rechte Ehrfurcht vor den Erstbegehern ein.

Die Gimpel Westkante (oder Westgrat) wurde 1896 erstbegangen. Zu Zeiten also, als sich die Idee von Zwischensicherungen noch nicht verbreitet hatte. Stattdessen wurde ein grobes Hanfseil um den Bauch geknüpft, um die Nachsteiger hochzusichern. Der Vorsteiger kletterte de facto ungesichert. Keine Spur von Kletterfinken, wie wir sie heute kennen, sondern Nagelschuhe mit Holzböden. Um dieser Tradition ansatzweise gerecht zu werden, klettern wir in Trailschuhen, nachdem wir die Bergkette vom Füssener Jöchle her überschritten haben.

Von der Luftseilbahnstation aus bietet schon der Aufstieg auf die Läuferspitze hübsche Kraxelei. Beim Klettersteig im Abstieg vom Schartschrofen können wir uns gerade noch vor der Karawane einreihen, die sich auf dem Gipfel bereit macht. Lieber schnell weg, bevor da noch was runter kommt! Der Aufstieg auf die Rote Flüh über den Westgrat ist dann weniger spektakulär, dafür landschaftlich grosszügiger. Auch hier ist der Gipfel gut besucht, was sich auch im Abstieg bemerkbar macht. Nach diesem Warmlaufen ist es Mittag, bis wir in die Westkante am Gimpel einsteigen. Dafür haben wir den Berg ganz für uns allein.

Es war nicht einfach, die Schwierigkeiten einzuschätzen. Man liest von II bis III+ und fragt sich, ob es überhaupt notwendig sei, ein Seil mitzunehmen. Angesichts unseres Trail-Zustiegs stellt sich die Frage noch etwas drängender, und so nehme ich 30m RapLine und fünf Expresschlingen mit. Wird schon reichen, oder? — Auf den ersten beiden Seillängen problemlos, auch wenn sie steiler und stellenweise ausgesetzter sind, als ich mir das vorgestellt hatte. Unsere dritte Seillänge führt über ein 2c-Boulderwändchen auf eine Gratkante, hinter welcher bald der Stand folgt. Ganz so trivial ist diese Kletterei beileibe nicht.

Darüber geht es auf ein Köpfle im Gratverlauf hoch und dort wartet die Schlüsselstelle mit dem Namen “Nur Mut Johann”. Anderen Berichten zufolge die “wohl bekannteste und zugleich abgespeckteste Schlüsselstelle in den Tannheimern”. Kräftig in die Expressschlinge gegriffen, an der man sinnvollerweise eine Trittschlinge befestigt hat, stehe ich im ungewohnten Artif-Stil am überhängenden Felsbauch und presse die Zehen gegen die Wand. Bloss nicht das invertierte Pendel ausprobieren, schon gar nicht mit bei der splendiden Sicherung mit 6mm Einfachseil! Schnell das Seil oben eingehängt, etwas hochgezogen und dann geht es schon wieder einfacher an einer seichten Rissspur hoch. Eieiei, auf diese Art von Schwierigkeiten war ich wirklich nicht vorbereitet. Auch zum Nachsteigen ist die Stelle nicht ganz einfach, wenn man diese Art der Turnerei noch nie gemacht hat.

Vor 130 Jahren so zu klettern, verlangt mir Respekt ab. Zwar bin ich mit modernen Trailschuhen ähnlich gut bzw. schlecht ausgerüstet für Felskletterei wie die Erstbegeher, aber ich sehe alle paar Meter einen Bohrhaken vor mir und habe vor allem die Gewissheit, dass die Schwierigkeiten für mich überwindbar sind. Andernfalls könnte ich auch relativ bequem wieder von den Ständen abseilen. Zu damaligen Zeiten waren weder “Mauer-“Haken noch Karabiner im Bergsport gebräuchlich, sodass im eigentlich Sinn frei geklettert wurde. Auch senkrechtes Abseilen wurde erst später mit dem Dülfer-Sitz möglich. Was uns heute auf den ersten Blick fast schon zu einfach scheint, muss zu damaligen Zeiten ein ganz grosses Abenteuer gewesen sein und war gewiss eine ebensolche Leistung.

Vom nächsten Stand führt eine kurze Kaminverschneidung namens “Schinderhannes” hoch. Benannte Kletterstellen sollten einen vorsichtig misstrauisch stimmen. Diese hier lässt sich jedoch auch in Trailschuhen vernünftig gut klettern, wenn sie sich auch etwas unübersichtlich erweist. Der Rest des Aufstieg verläuft in einfacher Kletterei auf den Grat zurück und von dort im Gehgelände unter den Gipfelaufbau. Dort zieht eine letzte Kletterlänge an sehr schönem, kompaktem Fels rechts hoch bis zuoberst. Das ganze war eine viel grössere Tour als erwartet. Auch der Abstieg über den Normalweg lässt sich sehen. Ich hatte mehr einen Wanderweg erwartet als die oftmals recht steile Kraxelei über Platten und Schrofen. Nichts wirklich Ausserordentliches, aber doch Gelände, das keinen Fehltritt verzeiht. Auch die Fortsetzung durch die Südflanke ist nicht einfach Gehgelände, sondern wartet immer wieder mit Kraxelstellen auf, bei denen man nicht einfach in die Wolken gucken will.

Im Gimpelhaus stärken wir uns, bevor wir den Abstieg im Galopp antreten. Am Abend essen wir im Berghotel Zugspitzblick und geniessen das fast vergessene Gefühl, vom kühlen Wind auf der Terrasse in die Gaststube vertrieben zu werden. Der Sommer 2026 macht viele Erfahrungswerte zunichte.

Anderntags geht es an eine 30 Jahre jüngere Route. Die Südostwand-Route an der Roten Flüh wurde 1929 erstbegangen und hat mit dem sog. Pfannenquergang auch eine benannte Schlüsselstelle. Als Einstiegsseilänge wird heutzutage eine Variante geklettert, die mit VI+ bewertet ist. Dieser Schwierigkeitsgrad lässt viele Interpretationen zu. In der klassischen Bewertung war es das Non-Plus-Ultra, sodass es stellvertretend für extrem bis übermenschlich schwierig stand. In modernen Klettereien würde man es mit 6a übersetzen, was ich eigentlich in jeder Lebenslage klettern kann. Allerdings gibt es auch die spätklassische Interpretation, die zwar 6a meint, jedoch dem Prinzip der übermenschlichen Anforderungen nachhängt und diesen Grad erst dann vergibt, wenn die Schwierigkeiten wirklich auf jeden Fall ganz sicher schwerer als VI ist. Dadurch umfasst der sechste Grad selber einen sehr breiten Bereich von schweren bis sehr schweren Routen, und nur die wirklich sehr sehr schweren Routen werden mit VI+ bewertet.

Als eine solche zeigt sich die Einstiegsseillänge, in der ich bloss sichere. Von unten würde man meinen, es sollte schon irgendwie gehen, aber als ich dann an Ort und Stelle bin, gefällt mir der Griff in den Haken sehr schnell sehr gut. Ich laste es dem Kaltstart an und freue mich auf die Fortsetzung. Diese ist im unteren Teil wenig spektakulär aber durchwegs attraktiv. Schliesslich führt eine lange Felsrippe neben einer Grasrampe zum Einstieg des zentralen Verdauungssystems der Wand. Tief in den Eingeweiden kraxle ich stemmend und schiebend durch eine tolle Kaminverschneidung hoch. Die Absicherung ist vernünftig, trotzdem überlege ich an mehreren Stellen aber schon sehr genau, wie ich klettern will, denn einen Sturz will man sich in dem Gelände sicher nicht leisten. Also Kaminklettern musste man den Jungs vor hundert Jahren nicht mehr beibringen.

Die nächste Seillänge wartet mit einer deftigen Bouderstelle direkt über dem Stand auf. Schon noch im Verschneidungssystem, aber an einem senkrechten Wändlein. Von unten sieht es sehr harmlos auf, aber selber in Aktion suche ich dann doch eine ganze Weile, bis ich eine Lösung zu der Bewegungsaufgabe gefunden habe. Oben erreicht man ein Band, das nach links führt, und darüber zieht eine Bohrhakenreihe über einen bauchigen, senkrechten Aufschwung. Eigentlich offensichtlich, aber bei näherer Betrachtung offensichtlich deutlich schwerer als erwartet. Wir suchen den Pfannenquergang und nicht die Teflonwand.

Nach sehr langem Suchen und Überlegen leuchtet mir ein, dass wir schon etwas zu hoch sind. Tatsächlich leiten weiter unten einige Bohrhaken nach rechts hinüber. Wie man diesen Quergang zu Zeiten weit vor der Einführung der Vibram-Sohle begehen konnte, kann ich mir nicht vorstellen. Ich balanciere auf kleinen Tritten, zum Teil auch auf diagonalen Leistchen, und verschiebe meinen Körperschwerpunkt. Füsse langsam nachziehen und neu platzieren, weiter greifen, Gewicht verlagern, sachte weiter bewegen und dem Sog der Tiefe trotzen. Grosser Respekt vor den Erstbegehern! Damals verwendete man Kletterschuhe mit weichen Bastsohlen, die ich mir als Espadrilles mit hohem Schaft vorstelle. Ich bin glücklich, einen “Mythos” mit “gomma gocida” am Fuss zu wissen.

Weiter oben wird es zunehmend einfacher und lieblicher. Der Ausstieg schlieslich befindet sich nur wenig unter dem Gipfel. Alles in allem war das eine wirklich grosse Tour und ein grossartiges Erlebnis. Im Abstieg posiert eine Gamsgeiss mit ihrem Jungen direkt neben dem Pfad, weiter unten vollführt ein Geissbock Zirkuskünste, um den Wipfel eines Tännchens abzuknabbern, und im Gimpelhaus gibt es Kaiserschmarren und Bier. Grossartig!


Hoi! Dein Interesse freut mich sehr, und ich würde mich ebenso sehr über einen kurzen Kommentar freuen. Ich investiere viel Zeit und Aufwand in diese Site und frage mich manchmal, ob die Inhalte überhaupt gelesen werden. Kommentare gebe ich manuell frei mit Angabe der Initialen (auf Wunsch auch anonym), und ich veröffentliche niemals Kontaktangaben. Diese ganze Site ist vollständig werbefrei, und es werden keinerlei Personendaten aufgezeichnet, die über das rein technisch Notwendige hinausgehen würde. Danke fürs Vertrauen und viele schöne Touren! Falls du selber derartige Touren erleben möchtest, dann melde dich gerne. — Stefan

2 Kommentare zu „2026-07-22/23 Gimpel W-Kante, Rote Flüh SO-Wand“

  1. Matters

    Schon lange stellt sich mir die Frage, warum der Pfannenquergang so genannt wird. Bei der Fahrradlkante im Oberreintal gewinnt man die Erkenntnis mit dem Erreichen der Schlüsselstelle. Aber hier ? Nicht eine Pfanne zu sehen.

  2. Stefan Müller

    Da kann ich nicht wirklich mitreden, aber ich stelle mir ganz ernsthaft die Frage, wie diese Stelle 1929 geklettert wurde. Bildlich erinnert mich der Fels an den Boden einer schweren gusseisernen Pfanne, handwerklich gefertigt mit Dellen und Macken, aber im Grossen und Ganzen ziemlich glatt. Vielleicht passt das zum Namen, wer weiss.

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