Quälend langsam vergehen die letzten zwei Aufstiegsstunden des Tages. Eigentlich hätte ich jetzt genug Zeit, um über Sinn und Unsinn einer solchen Aktion zu sinnieren — wenn mein geistiger Motor denn noch mehr Energie übrig hätte als der physische. Beide laufen jedoch auf Reserve, und während die Kolben langsam aber stetig stampfen, überwacht meine Schaltzentrale die grundlegenden Sicherheitsaspekte. Auf 18 Uhr habe ich den definitiven Umkehrpunkt angesetzt, denn dann bleiben noch anderthalb Stunden Tageslicht für den anspruchsvolleren Teil des Abstiegs. Was aber, wenn ich zu jenem Zeitpunkt 50Hm unterhalb des Gipfels stünde? Würde ich mich wirklich zwingen können, umzukehren? Ich bin definitiv kein Freund von starren Regeln, trotzdem ist mir klar, dass sich rollende Planung nicht mittels optionaler Vorkehrungen absichern lässt. Andererseits bin ich überzeugt, dass ich mein Schneckentempo beibehalten kann und nicht etwa in die Endlosverlangsamung abgleiten werde. Geraume Zeit später — im Rückblick mindestens eine Viertelstunde — habe ich die Lösung mit mir ausgehandelt: Einfach nicht mehr auf die Uhr schauen, bis ich auf dem Gipfel bin.
Von Saas Grund via Almagelleralp und der (geschlossenen) Almagellerhütte zum Zwischbergenpasse und über den S-Grat aufs Weissmies (WS+, 2a). Zurück zur Almagelleralp und auf dem Höhenweg zur (ebenfalls geschlossenen) Weissmieshütte. Von dort über den WSW-Grat aufs Lagginhorn (WS,2a). Abstieg zur Hütte und zurück ins Tal.
Horizontaler und vertikaler Marhon in einem: 46km+/-4600Hm.
Weissmies, Lagginhorn — hatten wir das nicht gerade schon mal? Ja, natürlich, aber auf jener Tour lief gegens Ende hin nicht alles wie gewünscht, und weil die Verhältnisse seither unverändert hervorragend geblieben sind, wollte ich die Zeit vor dem Wetterwechsel noch einmal für so etwas Ähnliches nutzen. Allerdings hatte ich nur einen Tag Zeit, und deshalb kam mir die Anreise mit dem Postauto um 00:15 in Saas Grund sehr entgegen. Mit dem Normalweg am Lagginhorn anstatt des anspruchsvollen S-Grats würden sich die beiden Gipfel an einem Tag machen lassen. Den endlos langen Abstieg durchs Zwischbergental wollte ich durch eine Abfahrt mit den legendären Monstertrottinets vom Kreuzboden ersetzen.
Soweit die Idee, in der Feinplanung waren jedoch noch einige Hürden zu überspringen. Wie die Zeit bis zum Sonnenaufgang einteilen? Die Nacht dauert Ende September bis 7 Uhr, und die Baustelle Weissmieshütte ist sicher nicht mehr zugänglich. Deshalb zuerst zur Almagellerhütte hoch, was etwa doppelt so weit ist und mit 100Hm mehr zu Buche schlägt. Der Schutzraum dort hat Matratzen und vermutlich auch Wolldecken, sodass ich mich eine Weile hinlegen kann. Platz sollte es hoffentlich noch haben.
Aufstehen fast ohne Schlaf ist besser als gar kein Schlaf, aber wenn schon, dann wäre ein Morgenkaffee hübsch. Also das leichteste Kochset zusammenbasteln. Hundert Gramm Luxus in Form von Kocher, Ständer und Pfanne plus 50 Gramm Brennsprit. Ausserdem kann ich das Zeug auf der Hütte deponieren und mit Leichtestgepäck klettern. Technisches Material muss ich keines mittragen, weder Seil noch Pickel oder Steigeisen. Dadurch kann ich in den Trailschuhen laufen, die auch für diese Art von Kraxelei und Kletterei gut geeignet sind. Das Wetter wird weiterhin stabil gut sein, sogar weniger windig und kalt als letzte Woche. Das erlaubt mir, beim Wind- und Regenschutz etwas leichteres Material zu wählen. Dazu wird der Himmel teilweise bewölkt sein, was besonders auf dem sonnigen Panoramweg sehr erwünscht ist.
Weitere Materialdepots kann ich auf der Almagelleralp anlegen. Dort lasse ich die Nahrung für den zweiten Teil. Bei der Weissmieshütte schliesslich werde ich das Kochzeug erneut deponieren. Hoffentlich vergesse ich nirgendwo etwas! A propos Nahrungsmittel, was brauche ich? Kaffee, klar, aber sonst noch? Ich rechne mit sechs grossen Tuben Kohlenhydratgel, sechs Lidl-Snickers und vier Lidl-Twix. Dazu packe ich noch etwas Müesli ein für den Fall, dass ich Zmorge essen mag.
Weissmies S-Grat
In beinahe schon gewohnter Dienstagabendroutine werfe ich mich im Zug nach Visp auf die Bank und döse, so gut es geht. Pünktlich kurz nach Miternach spuckt mich das Postauto in Saas Grund aus. Eineinhalb Stunden später bin ich auf der Almagelleralp und um drei Uhr komme ich bei der Almagellerhütte an. Der Schutzraum ist erfreulicherweise leer, was sich später jedoch bei der Schlaftemperatur negativ bemerkbar macht. Ich will bis vier Uhr schlafen, wache jedoch schon eine halbe Stunde vorher fröstelnd auf. Immerhin gibt es warmen Kaffee, welche eine Wonne!
Anstatt dem alten Pfad durch die Geröllmoräne steige ich dieses Mal zum südlichen Joch des Zwischbergenpasses auf, was sich als deutlich effizienter erweist. Oben erwartet mich die aufgehende Sonne, was ich umgehend photographisch festhalte. Etwas später wird mir bewusst, dass ich die Kamera dort liegen gelassen habe. Das beschert mir eine viertelstündige Zusatzschlaufe, davon die ersten paar Minuten schimpfend. Der Rest des Aufstiegs verläuft störungsfrei, und nach netto fünfeinhalb Stunden stehe ich auf dem Felsgipfel des Weissmies. Den Übergang zum Firngipfel schenke ich mir, weil ich mit Turnschuhen nicht über den Firngrat will.
Abstieg zur Hütte, Materialdepot räumen, weiter zur Almagelleralp zu Kaffee, Cola und meinem Zmorgemüesli (nicht Zmor-gemüse-li — viele Grüsse an die Freunde der hochdeutschen Rechtschreibung bei dieser meiner Wortschöpfung!). Mit frisch geladenen Batterien (Cola ist ein Zaubertrank!) und vollem Rucksack beschwingt die 300Hm Aufstieg zum Panoramaweg in Angriff genommen, gefolgt von vier Kilometern Joggingstrecke. Die folgenden 300Hm beginnen in lieblichem alpinen Weidegelände, bevor der Aufstieg im Kessel von P.2467 ins geröllige wechselt und schliesslich direkt auf dem Moränenkamm hochzieht. Man folgt der Seilbahn, deren Kabel in gleichmässiger Steigung hochführen, während sich das Gelände gegens Ende hin jäh emporschwingt. Glücklicherweise biegt man am Fuss des Steilhangs links ab und erreicht auf einem sehr schön angelegten Weg die Weissmieshütte.
Lagginhorn WSW-Grat
Wasservorräte aufgefüllt, Kalorien nachgeladen, Material deponiert und los geht’s! Allerdings ist es schon fast 15 Uhr, als ich loslaufe. Weil das Wetter aber nach wie vor stabil ist und die Temperaturen sehr mild, sehe ich keinen Grund zur Sorge. Auch meine Form ist in Ordnung, sodass ich mit zwei Stunden für die 1300Hm rechne. Nachdem ich P.3355 in akzeptablem Zustand erreicht habe, bemerke ich jedoch, wie meine Bewgungen zunehmend an Schwung verliert. Zum essen muss ich mich zwingen, und ich habe nicht das Gefühl, dass in den Muskeln noch etwas davon ankommt. Auch trinken fällt mir schwer, denn der Magen beginnt zu übersäuern. Soll ich umdrehen? Wieso soll ich auf den Gipfel, nur um dort gleich wieder kehrtzumachen? Um was geht es überhaupt?
Abgesehen von den genannten Beschwerden läuft mein Motor jedoch noch recht stabil, einfach mit deutlich reduzierter Leistung. Wenn keine weitere Verschlechterung eintritt, kann ich es schaffen. So konzentriere ich mich auf folgende Aspekte, die mich zur Umkehr zwingen würden: Nicht kotzen, keine Krämpfe und kein Konditionseinbruch! Weiter wäre Konzentrationsverlust zu überwachen, aber ein solches Meta-Warnzeichen lässt sich nicht verlässlich erfassen. Nach wie vor sind die Verhältnisse gut genug für eine Fortsetzung, und nach 18 Uhr wird auch noch genügend Zeit bleiben, um im letzten Licht abzusteigen. Dazwischenkommen darf natürlich nicht mehr viel, aber das ist sowieso der Normalzustand. Dabei rechne ich damit, dass mir der Abstieg leicht fallen wird, denn ich fühle mich körperlich nicht am Ende, sondern nur von der Leistungsversorgung eingeschränkt, was sich beim Hinuntersteigen nicht negativ auswirken sollte.
Tatsächlich stehe ich kurz vor der angesetzten Zeit in Nebelschwaden auf dem Gipfel. Die Frage nach Sinn oder Unsinn bleibt unbeantwortet, als ich mich sogleich an den Abstieg mache. Der optimale Weg ist von oben viel einfacher zu erkennen als im Aufstieg. Die Einschätzung meiner Verfassung erweist sich als korrekt. Zwar fliege ich nicht gerade zu Tale, komme aber doch in zügigem Tempo voran. Um 19:40 montiere ich bei P.3355 die Stirnlampe und erreiche eine gute halbe Stunde später die Hütte in der Dunkelheit. Mit Monstertrottinet ist natürlich nichts mehr, und auch sonst ergibt sich keine Alternative zum Abstieg ins Tal. Genau was ich vermeiden wollte! Leicht deprimiert mache ich mich auf den Weg und überlege, was weiter. Ich hadere etwas, gelange jedoch bald zur Einsicht, dass sich aus solchen Situationen manchmal Interessantes ergibt.
Booking ist für solche Fälle ein enorme Hilfe. Mitten im Nirgendwo sitzend, buche ich ein Zimmer im Hotel Eden in Saas Grund. Als ich anrufe um zu erklären, dass es durchaus elf Uhr werden kann, bis ich dort bin, rechne ich mit einer wenig begeisterten bis mürrischen Reaktion. Wer könnte es verdenken? — Am anderen Ende der Leitung nimmt sich eine sympathische Stimme meiner Situation an und erklärt mir, dass man von Kreuzboden bis in Tal hinunter sicher nicht mehr als eine oder anderthalb Stunden benötige. Das halte ich für recht sportlich, zudem bin ich noch etwa 200Hm höher. Wenn es später werde, solle ich anrufen. Er würde nochmals ins Hotel rüberkommen, das sei kein Problem. Diese freundlichen Gespräch hellt meine Stimmung ungemein auf.
Ich hatte befürchtet, dass meine Gelenke nach gut 4500 Hm Auf- und knapp 3500 Hm Abstieg recht lädiert sein könnten, und der restliche Abstieg zu einer ziemlichen Qual verkommen könnte. Zu meiner Freude ist das jedoch überhaupt nicht der Fall. Geschmeidig rolle ich in gutem Tempo über die Wege hinab. Leichtem Gepäck und Trailschuhen sei Dank! Zwar vergehen die Höhenhektometer weniger schnell als gewünscht, und die Müdigkeit macht sich langsam bemerkbar, aber das sind geringfügige Befindlichkeiten. Nach insgesamt gut 22 Stunden erreiche ich meinen Ausgangspunkt und leere noch das letzte Materialdepot mit den essentiellen Wiederaufbaumitteln nach so einer Monstertour. Im Hotel werde ich vom Chef sehr freundlich empfangen und sogar noch zu einem 5-Minutenbier eingeladen. Daraus werden schliesslich zwei Stunden, bis wir uns eine gute Nacht wünschen. Wir tauschen Aufschlussreiches und Persönliches aus, wie wenn wir uns schon lange kennen würden. Welch aussergewöhnliche Begegnung! Zugegeben, meine Beiträge zum Gespräch sind nach der praktisch schlaflosen Nacht recht kümmerlich.
Ich befinde mich in einem merkwürdigen Zwischenzustand von unablässiger Leistung und tiefer Müdigkeit. Bevor ich mich ins Bett lege, päpple ich mich mit meiner Wundermischung auf. Was bei den Bienen funktioniert, wird auch meinen Beinen helfen. Nachdem ich die Ausrüstung grob sortiert habe, kehrt in mir langsam Ruhe ein. Am Tag danach stehe ich erfrischt auf. Richtig gelesen: Mein Körper ist nicht zerschlagen. Natürlich bin ich nicht richtig erholt, aber wenn es sein sollte, könnte ich wieder loslegen. Auch zeigt sich am Frühstücksbuffet kein unbändiger Appetit, wie man vielleicht meinen könnte. Es ist schwierig, diesen Zustand zu beschreiben. Einerseits brauche ich fast keine Energie von aussen, weil nichts Anstrengendes mehr ansteht, andererseits braucht der Körper viel Zeit für eine vollständige Erholung. Die lustige Fitness-App meiner Uhr prognostiziert dafür exakt 86 Stunden. Das eigentliche Leiden findet jeweils nach der Tour statt.



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