2026-08-24 Crasta da Boval integral

Lang, länger und inmitten des Festsaals der Alpen: Die Überschreitung der Kette zwischen dem Val Roseg und dem Val Morteratsch vom Piz Boval bis nach Pontresian ist ein wahres Festspiel. 15km +1500Hm -2200Hm und von alpinem Klettern bis Wandern über Mondlandschaften ist alles dabei. Vom Piz Boval zum Piz Misaun handelt es sich um eine ernsthafte, alpine Tour.

Auf gipfelbuch.ch hat @Bergrider einen ausführlichen Bericht über diese Tour veröffentlicht. Seine Beschreibung, wie er vom Verbindungsgrat zum Piz Misaun auf den Vadrettin da Misaun abseilt, liest sich haarsträubend. Zwar könnte ich mit 50m RapLine und dem Escaper hantieren, aber am 6mm-Seil mitten in einer brüchigen Felsflanke zu hängen, steht nirgends auf meiner Favoritenliste. Das muss besser gehen, denke ich mir. Der SAC-Führer aus dem Jahr 1984 ist entweder (fahr-)lässig non-chalant, oder dann passen die Beschreibungen überhaupt nicht mehr auf die drastisch veränderten Verhältnisse. Mit viel Phantasie kombiniere ich aus den verschiedenen Touren einen hoffentlich gangbaren Weg.

Am Vortag war ich für eine Rekognoszierungstour ins Engadin gekommen. Richtig gelesen: Rekognoszieren, ich! Zum ersten Mal — zumindest soweit ich mich zurückerinnern kann (was allerdings keine besonders eindrückliche Zeitspanne umfasst …) — ging ich eine Tour auskundschaften. Vollauf hat sich das gelohnt! Ich will mit (m)einer Schulklasse von der Diavolezza über den Morteratschgletscher hinunterwandern. Mit 22 Jugendlichen funktioniert mein persönliches Motto “vorzue luege” nicht, zumal sie keinerlei alpine Erfahrung haben.

Zur Diavolezza hoch gelange ich vom Bahnhof Morteratsch direkt über den N-Rücken zum wunderhübschen Lej Pers. Von dort traversiere ich die Terrasse von Las Colinas über einen Kilometer bis zum Fuss vom NE-Grat des Munt Pers. Über diesen führt die Senda del Diavel hoch, eine begeisternde T5-Tour, die an etlichen Stellen mit Ketten versehen ist. Kurz vor dem Munt Pers trete ich mit einem Fuss in einen Spalt auf einer Felsschulter und falle recht unelegant auf den Allerwertesten. Wie kann man nur so blöd sein, schimpfe ich lauthals mit mir selber? Es handelt sich nicht um eine heimtückisch zugeschneite Gletscherspalte, wohlverstanden, sondern um einen mehr als fussbreiten, deutlich sichtbaren Spalt. Einzige Erklärung für diesen Lapsus ist die Kombination von Höhe, zu wenig Schlaf und ebenso zu wenig Essen. Es ist 13 Uhr längst vorüber, und mein Bauch tickt nach der Sonne: Um 12 Uhr (Winterzeit) gibt er ein unmissverständliches Zmittag-Knurren von sich.

Nach einem “ready-go” Start kurz nach 10 Uhr ist die Geduld jetzt deutlich abgelaufen. Ich rette mich in die Diavolezza und bestelle ein Gala-Zmittag, das ich kaum runterbringe. Als Folge der fehlenden Akklimatisation hat mein Magen den Dienst jedoch schon länger eingestellt. Der Motor lief schon im Aufstieg nicht auf gewohnten Touren. Nu fühle ich mich wie ein Verbrenner mit vollem Tank, aber verklebten Zündkerzen. Saft gelangt so keiner in die Beine. Immerhin geht es nun zuerst einmal 900Hm hinunter zum Morteratschletscher. Die Überquerung des Gletscherbachs mute ich mir barfuss watend zu, was sich nicht als empfehlenswerte Strategie entpuppt. Das eiskalte Wasser verursacht echte Schmerzen an den Füssen. So geht das nicht! Der Wiederaufstieg zur Bovalhütte erfordert dann noch ein scheinbares endloses Auf und Ab über die Randspalten, bevor ich durch das instabile Geröll am Fuss der Moräne zum Pfad gelange, der zur Hütte hochführt. So kommen insgesamt 1900Hm Aufstieg auf 18km (und 1300Hm Abstieg) zusammen. Ein gut ausgefüllter Tag, wenn man erst in der Mitte des Morgens beginnt.

Umso wertvoller wäre gute Erholung mit tiefem Schlaf. Leider ist der Schlafsaal so kühl, dass ich mehrmals leicht fröstelnd aufwache. Immer noch besser als stickig! Knapp vor Sonnenaufgang verlasse ich die Bovalhütte. Der Aufstieg zum Piz Boval folgt dem gut ausgetretenen Normalweg zum Piz Morteratsch. Auf 3000m zweigt er zu Lücke nördlich des Corn Boval ab, und von dort aus ist der Weg über den Ostgrat einfach. Nach einer kurzen Steilstufe geht es über einen Ballsaal, dessen Marmorboden in der Morgensonne edel glänzt, zum Gipfel. Der Schlussaufstieg ist dann etwas steiler, verwöhnt aber mit rotbraunem Fels der Edelklasse.

Der Blick zum Piz Morteratsch und zum Piz Tschierva hinüber ist prächtig. Darunter liegt der Vadret da Misaun etwas düster noch im Schatten und erinnert mich daran, dass der Abstieg über den N-Grat kein Spaziergang sein wird. Vorsichtig “tüssele” ich ins schattige Ungewisse. Der Fels ist vernünftig fest, solange man der Gratkante folgt. Das sollte man unbedingt tun! Der Abstieg ist dort nicht weiter schwierig, auch nicht dort, wo man eine Gratschulter erreicht. Dessen Fortsetzung bricht jedoch nicht steil ab, sondern ist gut begehbar, wie ich von unten gesehen bestätigen kann. Bis dorthin habe ich mich (natürlich!) trotzdem verleiten lassen, in die Südostflanke auszuweichen — nur kurz (natürlich). Dort geht es “recht” gut und “nur wenig” heikel, aber bei der Umgehung eines Sporn bewegen sich doch einige Zentner Fels direkt über mir. Zum Glück nur minim — sonst würde ich nicht mehr hier schreiben.

Insgesamt ist dieser Abstieg schliesslich weniger aufreibend als befürchtet. Der Weiterweg ist dann ein Spaziergang, der auf dem riesigen Geröllfeld am Nordende der Crasts Boval führt. Von dort ist es tatsächlich verlockend, dem Gratverlauf zum Piz Misaun zu folgen. In seinem Bericht hält @Bergrider hält jedoch fest: “Ich würde jedenfalls alles andere probieren, nur nicht wieder da hinab gehen!” Stattdessen folge ich dem WNW-Grat zwischen Vadret und Vadrettin da Misaun, bis zur ersten Schulter, die etwa 30m über der Lücke darunter thront. Auf den ersten Blick sieht der Abstieg nicht einfach aus, auf den zweiten aber macht er keinen besonders heiklen Eindruck. Auf der nordseitigen Ecke beginnend, steige ich diagonal hinunter auf die Kante an der Südseite. Dort leiten einige Kletterzüge in eine Verschneidung hinunter, von wo aus der weitere Abstieg einfach ist. Schon stehe ich in der Lücke und freue mich, dass sich diese grosse Ungewissheit so einfach auflöste.

Auch der Übergang von der Lücke auf den Gletscher erweist sich als absolut problemlos. Kein Schrund, grobblockiges Geröll, das zwar sehr lebendig ist, sich aber trotzdem gut überwinden lässt, und darunter steht man alsbald im Gletscherhang. Die Steilheit ist relativ gering, aber Steigeisen sind trotzdem notwendig. Damit quere ich mühelos zum Normalaufstieg auf den Piz Misaun. Die Südflanke ist eine Geröllrampe erster Güte, und vor allem im unteren Teil liegt haufenweise instabiler Schutt, typisch für den Gletscherrückzug. Weiter oben wird es besser, weil der plattige Untergrund steiler wird und deshalb das Geröll feiner. Rechts über mir zieht die eigentliche Crasta da Boval auf halber Höhe zum Piz Misaun hinüber. Ob dort drüber wohl die direkteste Verbindung führt? Wenn die Abseilerei zum Punkt 3221 führen würde, könnte man damit den Abstieg auf den Gletscher vermeiden.

Für meinen Teil bin ich froh, dieses Abenteuer sehr glimpflich hinter mich gebracht zu haben. Für die Fortsetzung erwarte ich nur keine grösseren Schwierigkeiten mehr, dafür aber umso mehr Kilometer. Gleich unterhalb Piz Misaun entdecke ich auf der Nordseite ein kleines Seelein, das nicht in der Karte eingezeichnet ist. Das erspart mir einen grösseren Höhenverlust beim Nachfüllen der Vorräte. Die weitere Überquerung ist landschaftlich grossartig eintönig. Steine von unterschiedlichem Gestein zuhauf, bis zum Piz Mandra grösstenteils sehr fest. Ein wahres Vergnügen, über diesen langegezogenen Grat zu gehen. Danach landet man unvermittelt vor dem massiven Klotz P.3004, der mit unglaublich schönem Fels aufwartet. Goldroter Granit, eisenfest und mit nur wenig Flechten überzogen. Diese Kletterei lasse ich mir nicht entgehen!

Es wird sich bald als das letzte Vergnügen im festen Fels entpuppen. Der Abstieg vom Piz Chalchagn ist vom Typ Gerümpelkammer. Kaum ein Stein ist fest, und mehrmals kommt ein vermeintlich festgefügter Block unter meinen Füssen in Bewegung. Das ist nicht nur mühsam, sondern auch gefährlich. Müdigkeit gepaart mit dem Wunsch, bald das Ziel zu erreichen, hilft auch nicht. Glücklicherweise kann ich auf halber Höhe in der Nordflanke über feineres Geröll hinunter surfen. Dabei muss man allerdings aufpassen, dass die bewegten Massen einen nicht mitziehen, zumal auch grösser Blöcke mitfliessen.

Am Chalchagn Pitschen ändert sich der Charakter zunehmen in eine Winnetou-Landschaft. Grasbewuchs, lichter Lärchenbestand und Pfadspuren suggerieren, dass es jetzt nicht mehr weit sei, und dass ein Auslaufen auf Flow-Trails angesagt sei. Weit gefehlt, sofern man dem Rücken folgen will! Ich trabe zum Muot Dadains, galoppiere zum Muot d’Mez, wo es mir eigentlich langsam reichen würde. Es kann ja nicht mehr weit sein, oder? Auf meiner elektronischen Karte habe ich am Vorabend noch den GPS-Track von @Bergrider hochgeladen, und die Tour für einmal nicht selber durchgeplant. Es geht ja einfach dem Gratrücken nach, was soll da Besonderes dabei sein? Nun, der GPS-Track zeigt auf dem Bildschirm einen sehr plausiblen Wegverlauf, sodass ich gar nicht erkenne, dass das Gelände weglos ist.

Beim Muot d’Mez halte ich nach einem Pfad Ausschau, und folge schliesslich meiner Nase und der Anzeige auf dem Bildschirm, ohne zu realisieren, dass weit und breit kein Weg verläuft. Dieser irrigen Annahme bleibe ich auch bei Muot Dadour, zumal sich dort auch eine Feuerstelle in prächtiger Umgebung befindet. Hierher führt sich ein direkter Aufstieg von Pontresina durch den Wald hoch, dem mein GPS-Track folgen wird. Folgenschwere Fehlannahme! Durch den steilen Bergwald führen höchstens ein paar Wildwechsel kreuz und quer, aber nichts Brauchbares für den Abstieg. Durch hüfthohes Gras taste ich mich über recht ruppigen und steilen Untergrund hinab. Die Beschreibung von @Bergrider kann ich nur bekräftigen: “Der Abstieg nach dem Muot Dadour weglos im Wald ist nicht zu empfehlen: Hohes Gras, Gestrüpp und an manchen Stellen steil.” Geich wie er bin froh, als ich auf ca. 2050m auf einer deutlichen Pfadspur zum Wanderweg rausqueren kann. Im Laufschritt hinab nach Pontresina, wo ich gerade Zeit habe, meine Wasser- und Kaffeevorräte aufzufüllen, bevor der Zug fährt und mich RhB und SBB nach Hause schaukeln.


Hoi! Dein Interesse freut mich sehr, und ich würde mich ebenso sehr über einen kurzen Kommentar freuen. Ich investiere viel Zeit und Aufwand in diese Site und frage mich manchmal, ob die Inhalte überhaupt gelesen werden. Kommentare gebe ich manuell frei mit Angabe der Initialen (auf Wunsch auch anonym), und ich veröffentliche niemals Kontaktangaben. Diese ganze Site ist vollständig werbefrei, und es werden keinerlei Personendaten aufgezeichnet, die über das rein technisch Notwendige hinausgehen würde. Danke fürs Vertrauen und viele schöne Touren! Falls du selber derartige Touren erleben möchtest, dann melde dich gerne. Stefan

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