Waldläufer im Vorteil! Entgegen den Erwartungen erweist sich die Juraüberschreitung von Rhoneknie bis zu jenem des Doubs als zunehmend anspruchslos. Nach zwei Dritteln streiche ich die Segel und verzichte auf den restlichen Drittel der Höhenwanderung. Bis dahin war das Gelände noch mässig attraktiv, und stets begleitet einen der Blick zum Mont Blanc. Auf zweieinhalb Tage verteilt lassen sich die 90km und 5000Hm schaffen, und wie so oft zeigt sich im Nachhinein einiges an Optimierungspotential.
Die eigentliche Grande Traversée du Jura (GTJ) entstand Ende der 1970-er Jahre als Langlaufroute mit Selbstversorgerhütten und wurde um die Jahrtausendwende durch eine Mountainbikeroute ergänzt. Kurz darauf wurde der 400km lange Fernwanderweg eröffnet, der vollständig auf französischem Territorium verläuft. Mein Plan war, vom Rhoneknie bei Valserhône aus auf die Jurakette hochzusteigen und der südlichen Krete bis Vallorbe zu folgen. Mit dem Crêt de la Neige würde ich den höchsten Juragipfel überqueren, und nach dem Grenzübertritt würde ich endlich einmal auf der Dôle stehen. Für die Übernachtung stehen mehrere öffentlich zugängliche Hütten zur Verfügung. Versorgung mit Wasser ist das grösste Problem, das jedoch am Pfingstwochenende nach komplett verregneten Auffahrtstagen entschärft sein sollte.
Organisation ist alles, wenn es um Expeditionen in unbekannte Lande geht. Wieder einmal sind die Informationen unvollständig und zum Teil widersprüchlich. Da ich am Abend mit dem Zug in Bellegarde-sur-Valserine ankomme, brauche ich eine Übernachtungsmöglichkeit mit eher kurzem Aufstieg. Das nahe gelegene Chalet de Sorgia d’en Bas scheint jedoch kürzlich abgebrannt zu sein, und ob wie es um das Chalet Bizot steht, wird sich weisen. Zu Anfang geht es auf der Strasse durch das Tal der Rhone wieder aufwärts, bis der Anstieg durch Wälder und über Felder beginnt. Danach beginnt der Aufstieg auf die eigentlich Jurakette, und es wird deutlich steiler. Nach insgesamt 900Hm erreicht man die verbrannten Ruinen des ehemaligen Chalets auf einer alpinen Weide. Welche ein wunderbarer Ort wäre das, um sich hinzulegen, aber da ist wirklich nichts zu wollen.
Weitere 300Hm sind mehrheitlich im Wald bis zum Chalet Bizot zurückzulegen, das ich mitten in der Nacht erreiche. Im Dachstock ist ein grosszügiger Schlafsaal mit Betten eingerichtet, wo ich eine sehr angenehme Nacht verbringe. Als ich aufwache, steht die Sonne schon längst am Himmel. Abgesehen von einer Regentonne ist kein Wasser vorhanden, und deshalb lasse ich das Frühstück aus. Stattdessen setze ich mich alsbald in Bewegung und erreiche mit der Crêt da la Goutte den ersten Juragipfel, und entsprechend ist die Landschaft für einmal baumfrei und weidegrün. Das gibt den Blick frei auf den Mont Blanc, der frisch verschneit hinter dem Genfersee steht. Kaum sattsehen kann ich mich an dieser Aussicht, und immer wieder zücke ich den Photoapparat.
Da es beim Chalet du Sac auch kein Wasser gibt, steige ich zu einem der Regenteiche ab, um meine Flasche zu füllen. Wenn Salamander für gute Wasserqualität bürgen, kann da nichts schiefgehen. Die Becken sind ein wahres Paradies für diese Tiere, und das Wasser erweist sich auch im Nachhinein betrachtet als bedenkenlos geniessbar — selbstverständlich filtriert. Weiter geht es auf hübschen Pfaden durch den Wald zur Hütte La Poutouille. Diese Unterkunft ist ausserordentlich heimelig eingerichtet, und vor allem hat es einen Brunnen mit frischem Wasser. Welche eine Kostbarkeit! Auf ähnlichen Wegen geht es weiter zum Chalet du Gralet, wo sich ebenfalls frisches Wasser pumpen lässt. Dort fülle ich alle Reserven auf, denn im weiteren Verlauf wird es auf der Höhe keine weiteren Wasserquellen mehr geben.
Der Weiterweg entspricht den Vorstellungen, die ich von der Karte her gewonnen hatte: Ein wenig ausgeprägter Kamm zieht sich über sanfte Rücken hinweg und erklimmt beim Reculet und beim Crêt de la Neige ausgeprägte Höhepunkte. Landschaftlich lieblich, nirgends übertrieben steil, und recht weit. Bis zum Skigebiet von Montoisey sind meine Wasservorräte erschöpft, und so steige ich zum Refuge de la Loge ab. Es ist ein recht heruntergekommener Schuppen, und der Hüttenwart macht einen vergleichbaren Eindruck. Bloss nicht bleiben! Nach Zucker und Koffein ziehe ich weiter über die zunehmend endlosen Hügel bis zum nächsten Skigebiet. Vom Petit Montrond hinunter carve ich in der Dämmerung zum Pas de la Faucille, wo ich im Hôtel de la Couronne ein Zimmer gebucht habe.
Die Madame ist freundlich und hat eine klare Meinung, was drinliegt, und sagt einem deutlich, was nicht. Das kalte Abendessen ist hervorragend wie es nur in Frankreich sein kann, jedoch braucht mein Körper eine Ewigkeit, um sich nach mehr als zwölf Stunden Bewegung Rohkost einzuverleiben. Das Bier hilft nur bedingt als Schmiermittel, denn mit zunehmender Ölung werden alle Prozesse noch langsamer. Entsprechend wird es spät, bis ich endlich schlafe. Am nächsten Morgen erwache ich mit “vue sur le Mont Blanc”, wie es mit der Zimmerkategorie versprochen war. Der Frühstücksservice ist ebenso persönlich wie langsam. Als Betrachter nimmt man einen schmerzhaften Hauch von Niedergang wahr, der sich auch in der dahinserbelnden Infrastruktur des Skigebiets zeigt. Es wurde vor nicht allzu langer Zeit Geld in Modernisierung investiert, hat aber in den letzten Jahren sicher keine Rendite gebracht.
Vom Pass weg folgt der eigentliche Geheimtipp dieser ganzen Tour. Direkt gegenüber des Hotels schlängelt sich ein Pfad in den Wald hinauf und erreicht bald einmal einen Canyon. Diesem folgt man zwischen den steilen Kalkwänden bis zum anderen Ende. Sogar Schnee liegt noch in dieser schattigen Klamm! Passenderweise steigt man danach auf die Notre Dame de la Neige, von der aus man hoch über dem Talgrund dem Verlauf der Valserine folgt. So unerwartet spektakulär dieser Tag begonnen hat, ist die Fortsetzung recht unattraktiv. Über weite Strecken läuft man auf einer asphaltierten Strasse, und erst nach der Grenze ist man wieder auf Wanderwegen unterwegs.
Der Aufstieg zur Dôle ist hübsch wie aus dem Prospekt: Satte Wiesen, kleine Wäldchen mit dunklen Fichten, verstreute Kalkfelsen und immer wieder der Blick über den Léman zum Mont Blanc. Wenn auf dem Gipfel noch eine Beiz wartet, dann ist das Glück perfekt! — Leider nicht. Zwar hat es Seilbahnen und moderne Installation, jedoch gehören diese der Organisation Skyguide und sind nicht für touristische Zwecke ausgelegt. Nach dem Abstieg zum Col de la Porte kann man jedoch in der Cabane de la Dôle Getränke und Wasser beziehen. Hier läuft etwas, denn es sind viele Leute unterwegs. Das ändert sich auf der Überschreitung nach Saint-Cergue jedoch schnell. Ein hübscher Abstieg führt über schmale und steile Pfade zur alten Strasse, der man ins Dorf folgt.
Ein Punkt der Vorbereitung hat gut geklappt: Ich wollte sowohl auf der südlichen Kette in Richtung Vallorbe weiterziehen als auch den nördlich gelegenen Noirmont besuchen. Zudem war klar, dass ich in Saint-Cergue die Vorräte auffüllen müsste. Daraus resultierte eine blöder Zickzack, der vier Kilometer entlang der Hauptstrasse führen würde. Nachdem ich ausgiebig in die Karte gestarrt hatte, dämmerte es mir (sehr) langsam, dass eine Eisenbahnlinie diesem Zickzack entlang bis zur Grenze führt. Das Programm bestand also aus einem ausgiebigen Mittagessen bis der nächste Zug fuhr.
Ideal wäre es gewesen, bis zur Endstation in La Cure zu fahren, und von dort aus direkt zum Noirmont hoch zu steigen. Irgendwie war ich jedoch noch meinen ursprünglichen Waldläuferplänen verhaftet und stieg eine Station früher aus, um die Cabane du Carroz zu besuchen. Der Aufstieg führt im unteren Teil entlang einer Kiesstrasse und ist wenig lohnend. Die Hütte jedoch ist ein wunderbarer Ort, und ich hatte das Glück, dass sie geöffnet war, was nur übers Wochenende der Fall ist. Von dort stieg ich in die Senke hinab, um direkt zum Noirmont aufzusteigen. Diese Offroad-Linie erwies sich als interessant und sogar ganz wenig kraxelig.
Vom Hauptgipfel ging es über den Franzosengipfel am Rand des Kessels von Creux du Croue hinunter, und in dessen Flanke hinüber auf die andere Seite und weiter auf den Mont Sâla. Von dort aus kann man den Weiterweg gut überblicken. Sanft erstreckt sich der Rücken von Crêt de la Neuve und Mont Tendre über rund 20km. Wohlverstanden, hauptsächlich Wald, unterbrochen von einigen Feldern. Bei diesem Anblick schläft einem vor Langeweile fast das Gesicht ein, daran kann auch das sanfte Licht des späten Nachmittags nichts ändern. Da ausserdem die Suche nach einer Unterkunft für die Nacht erfolglos verläuft, sinkt meine Motivation im Gleichtakt mit der Sonne. Weder sehe ich mich zum Waldläufer berufen, noch habe ich Lust, die Nacht irgendwo im Gestrüpp zu verbringen, auch wenn ich entsprechend ausgerüstet bin. Also Abbruch, bevor es nur noch ums Erledigen geht.
Durch Wälder und über Felder strebe ich dem Dorf Bassins zu, das nur etwa fünf Kilometer Luftlinie von meiner Mittagsrast in Saint-Cergue entfernt ist. Um den Bus zu erreichen galoppiere ich die letzte halbe Stunde in vollem Lauf durch den Wald hinunter, nur um den Bus ein- und gleich wieder abfahren zu sehen. Nicht druckreife Worte der Verwünschung schleudere ich dem Busfahrer hinterher. Umso mehr bin ich erfreut, als mich ein Einheimischer bald darauf im Auto bis zum Bahnhof in Gland mitnimmt. Es bleibt sogar noch Zeit, ein grosses Bier zu kaufen, das meine geistige Frische etwa auf das Verhältnis von Erlebnis zu Laufstrecke dieser Tour absenkt. Nächstes Mal wieder etwas gebirgiger bitte!
PS: Die Photos sind mit einer Insta360 Go3s aufgenommen. Das Gerätchen ist klein und praktisch, die zugehörige Software jedoch unterirdisch, was den Export der Dateien betrifft. Die Bilder werden mit dem Zeitpunkt des Exports versehen, und jegliche EXIF-Information wurde gelöscht. Eine klare NICHT-Empfehlung, falls sich jemand für das Gerät interessiert!


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