Lang, länger und noch lange nicht fertig! Nur schon die Aufstiege auf die beiden Viertausender sind recht lang, hinzukommen noch die beträchtlichen Distanzen im Abstieg. Die Anstiege sind bei den herrschenden Bedingungen im Spätsommer 2026 sehr günstig. Das Lagginhorn wurde kürzlich gar als höchster Wandergipfel Europas bezeichnet, denn das Schneefeld in der Gipfelflanke auf dem Normalweg (WSW-Grat) ist derzeit weggeschmolzen, und auch der S-Grat ist absolut schneefrei. Der Weissmies S-Grat liegt in der Schwierigkeit dazwischen und ist bei diesen Verhältnissen eine reine Genusstour. Der Abstieg durchs Zwischbergental ist im obersten Teil alles andere als ein Genuss, sondern einsam, wild und anspruchsvoll. Der Weiterweg übers Galki führt durch liebliches alpines Weidegelände, allerdings fast 900Hm hinunter. Im Talboden schliesslich sind es nochmals über sechs Kilometer und 500Hm bis zum Bord, und bis Gondo wäre es nochmals etwa gleich viel.
Von Sass Grund aus zum Lagginjoch (zuletzt über das recht steile Holöübgletscherchen) und von dort über den S-Grat (ZS, III) aufs Lagginhorn. Abstieg über den WSW-Grat zur (geschlossenen) Weissmieshütte und weiter zur Almagelleralp. — Insgesamt 25km+3200m-2500m.
Anderntags von der Almagelleralp zur (geschlossenen) Almagellerhütte und weiter zum Zwischbergenpass. Auf- und Abstieg über den S-Grat aufs Weissmies (WS+, II). Abstieg durchs oberste Zwischbergental übers Galki hinunter in den Talgrund und der Strasse entlang nach Bord. Insgesamt 27km+2500m-3200m. Der Weiterweg nach Gondo würde zusätzlich mit zusätzlichen 5km-500m zu Buche schlagen.
Wie kommt man auf eine solche Idee? Der Sommer 2026 geht mit voller Kraft in die Verlängerung, und weiterhin sind keine Anzeichen von einer Wetterverschlechterung erkennbar. Für einmal habe ich dieses Jahr keine Pläne im Ausland gemacht, sondern für zuhause: Projekte abschliessen, Gerümpel aufräumen und für die Zeit nach den Ferien vorbereiten. Wie üblich lassen sich diese guten Vorsätze bei perfekten Verhältnissen in den Bergen sehr leicht über den Haufen werfen. Das Lagginhorn ist natürlich ein naheliegender Kandidat, allerdings wäre mir nur Normalweg hoch und wieder runter zu langweilig.
Der Zufall will, dass ich in Bern zu einer Geburtstagsfeier eingeladen bin. Von dort aus ist man im Nu im Saastal, und der letzte Postautokurs erreicht Saas Grund kurz nach Mitternacht. Klare Sache, und dazu passt auch, dass die Weissmieshütte wegen Umbau geschlossen ist. Also über den S-Grat hoch, den ich noch nicht kenne, jedoch als machbar einschätze. Und dann? Einfach wieder ins Tal hinunter und nach Hause reizt mich nicht. Den S-Grat am Weissmies hatte ich schon länger im Auge, und die Kombination überzeugt mich sofort. Damit ich auch von dort nicht wieder auf dem gleichen Weg zurück muss, liegt der Abstieg durchs Zwischbergental auf der Hand. Von dort wäre es interessant, ins Laggintal hinüber zum gleichnamigen Biwak zu gehen, um dann von Simplon Dorf heimzureisen.
Ungefähr diese Überlegungen führten dazu, dass ich mich an der Feier ungeniert dem köstlichen Dessert hergebe, bevor ich mich verabschiede und im Treppenhaus von Dr. Jekill zu Mister Hyde wandle. Rasch die Kleider gewechselt, in ein Postpaket gelegt und zum MyPost24-Automaten gebracht. Diese persönliche Premiere am elektronischen Selbstbedienungsschalter verläuft überraschend problemlos, was ich als gutes Omen deute.
Im Zug dann drei Viertelstunden die Augen schliessen und vor mich hin dösen, denn der Rest der Nacht wird vermutlich schlaflos bleiben. Ursprünglich hatte ich gehofft, in der Weissmieshütte ein kurzes Nickerchen zu halten, aber da ist wohl nichts zu wollen. Eine Viertelstunde nach Mitternacht trete ich im menschenleeren Saas Grund aus dem Postauto, das gleich davonbraust und mich allein im Schein der Strassenlaternen zurücklässt. Ich fühle mich recht klein und finde mein Vorhaben etwas wagemutig. Diese Gefühle fallen jedoch bald wieder von mir ab. Die Nacht ist warm und windstill.
Der Weg durch den Bergwald ist angenehm steil zu gehen. Dank den Stöcken mache ich schnell Höhe und erreiche nach rund einer Stunde den Kreuzboden und treffe nach weniger als zwei Stunden bei der Weissmieshütte ein. Das ist viel zu früh, um einfach durchzulaufen, denn dann wäre ich lange vor Sonnenaufgang beim Lagginjoch. Für den Aufstieg ins Lagginjoch brauche ich etwas Tageslicht, und für die Gratkletterei sowieso. Ausserdem will ich einen Teil meiner Ausrüstung deponieren. Was also tun? Die alte Hütte ist verschlossen, aber in der neuen brennt helles Licht. Drinnen ist alles bis auf den Rohbau ausgeräumt, und die Baustellenbeleuchtung soll wohl verhindern, dass jemand wie ich in der Dunkelheit in ein Loch im Boden tritt. Nichts mit einfach so irgendwo hinliegen, oder? In einem Raum liegen Steinwolleplatten aufgestapelt. Diese könnten als Matratze dienen, und unter einer Rettungsdecke sollte die Temperatur aushaltbar bleiben. Gesagt, getan, und wenig später döse ich wieder vor mich hin.
Die Ruhe wird jedoch plötzlich durch schwere Schritte gestört, die das Haus abschreiten. Sollte der Hüttenwart anwesend sein und einen Kontrollgang machen? Was wenn ich entdeckt würde? Ich entschliesse mich im Halbschlaf, einfach stillzuhalten und zu hoffen, dass ich hinter dem Stapel nicht entdeckt werde. Ausserdem ist mein Vergehen ja nichts Gravierendes. Dennoch stockt mir der Atem, als die Schritte näher kommen. Dann aber entfernen sie sich wieder, und es tönt, wie wenn ein Rucksack ausgepackt würde. Sollte jemand anders dieselbe Idee gehabt haben wie ich? Auch im Nachhinein kann ich nichts Genaueres sagen, denn als ich um vier Uhr aufstehe, zeigt sich keine Spur von einem anderen Schläfer. War es etwa ein Geist? Dagegen spricht, dass das letzte Geräusch, das ich gehört hatte, ein lautes Furzen war.
Ich setze meinen Aufstieg fort und erkenne ein Lichtlein, das sich vermutlich gegens Fletschhorn hochbewegt. Später kommen vom Hosaas noch einige Lichterketten, die sich auch aufs Lagginjoch zu bewegen. Eine Zweierseilschaft folgt dicht hinter mir und überholt mich beim Holöübgletschers. In der Dunkelheit bin ich zu weit links hochgestiegen, sodass ich zuerst die recht steile Gletscherzunge traversieren muss. Dabei knackt es zweimal laut aus der Dunkelheit über mir, und ich mache mir Sorgen darüber, dass sich irgendwo ein Felsbrocken lösen könnte. Mit meinen Alusteigeisen ist jedoch nicht an ein beschleunigtes Tempo nicht zu denken. Der nackte Gletscher ist hart und spröde gefroren, und die Steilheit ist gerade noch vertretbar, aber eine Kür werde ich hier nicht aufs Eis legen können. Drüben ist die Neigung etwas geringer, und zudem liegt eine hauchdünne Schneeschicht auf dem Eis, was die Griffigkeit der Eisen ungemein erhöht. Dafür müssen hier Spalten umgangen werden, die zum Teil eindrücklich tief sind.
Glücklich unter dem Lagginjoch angekommen, sehe ich, wie sich die beiden vor mir an einem Fixseil abmühen, das diagonal vom ersten Stand hinunter baumelt. Darunter bricht die Wand über Stufen ab, sodass ich befürchte, am schiefen Seil rechts hinaus zu pendeln. Stattdessen klettere ich links über schuttbedeckte Platten steil hoch und erreiche den Stand nach einigen zunehmend anspruchsvollen und unangenehmen Klettermetern. Danach geht es über eine Art Klettersteig einfach ins Joch hoch, wo ein scharfes Lüftlein bläst. Heute wird wohl kein T-Shirt-Wetter, auch wenn mich ein spektakulär sonniger Tag erwartet.
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Lagginhorn
Der S-Grat ist eine rechte Nummer. Praktisch kein Gehgelände, meistens recht steile Kraxelei und immer wieder sehr anregende Kletterei, sehr oft ausgesetzt. Zwar habe ich mich bemüht, die einzelnen Abschnitte für diesen Blog hier photographisch festzuhalten, aber im Nachhinein bringe ich selber die Bilder nicht mehr in Übereinstimmung mit meinen Erlebnissen. Vielmehr kommt mir die Unternehmung wie die Erinnerung an einen wunderbaren Traum vor, von dem ich nur Bruchstücke abrufen kann. Was ich sagen kann, ist, dass die Kletterei immer wieder anregend und ausgesetzt ist. Der Wegfindung kommt eine grosse Bedeutung zu, um den einfachsten Weg zu finden. Zwar ist die Route von Steigeisenspuren gekennzeichnet, aber die finden sich auch auf Abwegen. Die Schlüsselstelle lag für mich bei P.3693, wo ein Plattenturm oben auf der Westseite umgangen wird. Weit über dem schattigen Gletscherkessel wartet eine ausgesetzte Kletterstelle, wo der linke Fuss auf einen Zapfen über dem gähnenden Abrund ausgespreizt werden muss und hoffentlich dort auch bleibt. Denn die Griffe sind nicht wirklich positiv, und man schwingt mit dem Körperschwerpunkt über die Leere hinaus. Falls der Fuss abrutschen würde, gäbe es nichts mehr zu halten. Ich setze ein zweites Mal an, nachdem ich realisiert habe, dass weiter oben kein Henkel zu erwarten ist. In diesem Moment hätte ich gerne an einem Seil gesichert. Die Stelle wird von der BfU sicher nicht für den Massentourismus freigegeben.
Nach P.3693 folgt ein horizontaler Zackengrat, der etwas ausgesetzt, aber nicht weiter schwierig ist, wenn man es sich nicht selber schwer macht. In der Vorbereitung hatte ich gelesen, dass sich die Abseilstelle am Ende vermeiden lassen, indem man sie “auf der rechten Seite” abklettere. Tatsächlich findet sich rechts unterhalb der Zacken eine sonnenbeschienene Terrasse, die ungefähr auf die Scharte zuzulaufen scheint. Nach jedem Zacken suche ich deshalb eine Möglichkeit, dort hinunter zu gelangen. Vor dem letzten Zacken probiere ich es dann, gelange jedoch an eine ausgesetzte Abkletterstelle, worauf ich wieder aufsteige. Genau dasselbe in der zuvor schon passierten Scharte nach dem zweiten Zacken. Schliesslich klettere ich in der allerersten Gratscharte hinunter und erreiche eine Stelle, die sich gerade noch so bewältigen lässt, aber auch nicht SUVA-konform ist. Die Terrasse ist anfänglich ein breites Trottoir, wird jedoch zunehmend schmaler und auch neigt sich gegen den Abrund. Sie schliesst sich gegens Ende hin, wo kein Weg ums Eck führt. Eine Abseilschlinge weist über die Kante hinunter. Das kann ja nicht ein einfacher Umweg sein, oder?! Also wieder hoch zum Grat, diesmal in die dritte Scharte, wo ich mich zuoberst durch ein Loch zwänge, das mich zwingt, den Rucksack auszuziehen. Jetzt bloss nicht fallen lassen!
Die ganze Harakiri-Aktion kostet weit mehr Zeit als eine Abseilaktion. Am vierten Zacken angekommen, erkenne ich, dass sich die Kante selber sehr leicht abklettern lässt. Die “rechte Seite” ist dabei von unten her gesehen. Leicht verärgert über diesen Zeitverlust bin ich trotzdem froh, dass alles gut und schlussendlich ganz einfach vonstatten ging. Danach geht es ohne grössere Überraschungen, wohl aber mit kleineren klettertechnischen Abwechslungen dem Gipfel entgegen. Auf P.3971 ist das Ende in Sicht. Nur noch eine Gratsenke von rund 50Hm, was kann da noch Schwieriges dabei sein?
Unvermittelt steht man aber über einer teuflisch ausgesetzten Abseilstelle. Auf der Rückseite des letzten Turm klaffen 20m Vertikalität über dem überraschend scharfen Grateinschnitt, und darunter gähnt jäh eine Verschneidung, die sich in der steilen Geröllflanke der Ostseite verliert. Über diesem Höllenschlund muss man zum Abseilstand balancieren und sich an einem netterweise vorhandenen Fixseil ablassen. Das untere Ende ist seitlich so fixiert, dass man gerade so knapp zur Scharte hinüber robben kann. “Tschau zäme!” denke ich mir, als ich mich vom Seil löse.
Danach ist es aber tatsächlich nur noch Kraxelei bis zum höchsten Punkte, auf dem ich nur kurz verweile. Ehrlich gesagt, langweilen mich Gipfel. Viel lieber bin ich unterwegs, und deshalb mache ich mich bald an den Abstieg. Dieser ist auch nicht besonders attraktiv, dafür aber lang. Im Geröll und Schutt finden sich deutliche Wegspuren, und der einfachste Weg kommt praktisch ohne Kraxelei aus. Wanderschwierigkeit T5 fände ich angemessen für die technischen Anforderungen. Also kein Problem, aber bei mir macht sich der Schlafmangel bemerkbar. Ausserdem habe viel zu wenig gegessen, immerhin aber genügend getrunken. Nach einer ausgedehnten Mittagsrast tipple ich über den langgestreckten WSW-Rücken hinunter und erreiche endlich die Weissmieshütte. Dort ist der Umbau in vollem Gang, und ich bin froh, dass meine Sachen nicht unter einem Steinhaufen begraben sind. Kurz Wasser aufgefüllt, und bald geht es weiter.
Bei dem Versuch, eine Übernachtung auf der Almagellerhütte zu reservieren habe ich herausgefunden, dass diese schon geschlossen ist. Auf eine Nacht in einem der neuen Schutzräume habe ich weder Lust noch trage ich geeignetes Biwakmaterial mit. Deshalb reserviere ich ein Bett im Zimmer auf der Almagelleralp. Das Bisschen Luxus gönne ich mir gerne. Denn auch bis dorthin ist der Weg noch weit. Der Spätsommer gibt sich jede Mühe, die Farbtöne entlang des Höhenwegs in goldenes Licht zu tauchen, und das Resultat ist prächtig. Das macht den Weg jedoch um keinen Meter kürzer und die Höhenmeter nicht weniger. Deshalb bin ich gar nicht traurig, dass schon im Berghotel Almagelleralp Feierabend ist. Bis zur Almagellerhütte wäre es sonst sogar ein Tagesleistung von 4000Hm geworden.
Im Restaurant laufen die deutschen Schlagerhits der 80er-Jahre in der Endlosschleife, und ich fühle mich in frühere Zeiten zurückversetzt. “Ein Bisschen Frieden” und “Verdammt ich lieb dich” waren die Mega-Klassiker, und daneben kommen noch unzählige Halbklassiker, die ich glücklicherweise vergessen hatte bis zu diesem Abend. An meinem Zustand ändert das jedoch nichts mehr, und ich falle bald frisch geduscht und wohl genährt ins Bett, wo ich den Schlafsuche, denn am anderen Morgen geht es um 4 Uhr wieder los.
Weissmies
Anderntags stünde eigentlich das Kinderprogramm an: Bloss 1100Hm bis zum Gipfel, davon 750 mit leichtem Gepäck, und fast beliebig viel Zeit für den Abstieg. Weil aber das Familienzimmer auf der Almagellerhütte bekanntlich nicht verfügbar war, müssen nach dem frühen Frühstück gleich einmal 700Hm zusätzlich verdaut werden. Dafür müssen die Kleinen am Abend nicht schon früh ins Bett, denn das ist erst im Lagginbiwak eingeplant, und bis dorthin dürfen sie noch eine ganze Weile aufbleiben. — Am Schluss kommt es dann aber anders als gedacht.
Eigentlich schade, so ein schönes Bett nach einer derart kurzen Nacht zu verlassen, denke ich mir beim Frühstück. Als ich in der Dunkelheit los laufe, bemerke ich schon nach kurzer Strecke, dass eine Blase, die ich mir in der Vorwoche wegen eines behelfsmässig reparierten Schuhs eingefangen habe, noch nicht verheilt ist und unschön reibt. Also wieder zurück und verpflastern, danach ein Neustart. Diese Verzögerung im Ablauf steht sinnbildlich für den weiteren Verlauf des Tages. Heute braucht alles etwas länger.
Mein Tempo ist verständlicherweise weniger als gestern spritzig, und so erreiche ich die Hütte erst bei Tagesanbruch. Der Schutzraum zeigt sich ebenso gut eingerichtet wie auch belegt. Nach kurzer Erkundigung über die Verhältnisse gehe ich gleich weiter. Im Schlussaufstieg zum Zwischbergenpass folge ich den gelben Punkten, die direkt zu P.3270 hochführen. Ein alter Pfad schlängelt sich durch zunehmend steileres und rutschigeres Gelände hoch. Viel darf sich hier nicht bewegen und im Abstieg würde ich diesen Pfad lieber meiden. Weiter oben wechselt die Farbgebung vermutlich mit ironischer Absicht zu weiss-rot-weiss.
Erste Rast im Sonnenschein und das willkommene Materialdepot. Wie gestern Wind der pfeift über den Pass, und ich mache mich auf einen ungemütlich kalten Aufstieg gefasst, auch wenn mir erneut ein perfekt sonniger Tag lacht. Zum Schutz gegen Wind und Kälte ziehe ich das Regenzeug an, ebenso wie die warme Jacke und die dicken Handschuhe. Der Aufstieg präsentiert sich vollständig schneefrei, dennoch trage ich die Steigeisen hoch für den Firnteil ganz am Schluss.
Nach dem Zustieg durchs grobblockige Geröll traversiere ich bald einmal auf die Gratkante, der man bis zum Gipfel folgt. Bei den Aufschwüngen zeigen die Steigeisenspuren verschiedene Varianten, und es ist nicht immer offensichtlich, welche die leichteste ist. Nach dem gestrigen Tag verfolge ich einen klimmzugsfreien Bewegungsstil an und mäandriere ausgiebig hin und her. Der Fels ist wunderbar griffig und solide, sofern man nicht zu weit in die Flanken abweicht. Ein wirklich schöner Aufstieg, zudem habe ich den ganzen Berg für mich allein. Die Schnarcher vom Winterraum der Almagellerhütte machte keine Anstalten zum Aufbruch, und die Normalroute vom Hosaas ist offenbar schon seit Mitte Juli kaum mehr begangen worden. Der Wind hat nachgelassen, sodass ich mich der Überkleider entledigen konnte. Es ist wirklich ein prächtiger Spätsommertag, wie er im Buche steht.
Nach dem Vorgipfel P.3967 erreiche ich das kleine Eisfeld, das sich problemlos ohne Steigeisen überqueren lässt, ebenso wie der Firngrat zum Hauptgipfel. Diesen definiere ich auf dem Felsgipfel als erreicht, denn ich habe keine Lust, für fünfzig Meter Traverse die Eisen anzuziehen, nur für eine Runde zum Firngipfel. Noch einige Sommer wie dieser, und die Firnhaube wird noch deutlich tiefer liegen. Ausserdem gibt sie ein hübsches Fotosujet her. In alle Richtungen ist der Blick frei, und besonders interessiert mich die Aussicht zum oberen Antronatal, das ich zusammen mit dem Val Grande als mögliches Tourengebiet registriert habe. Daneben versuche ich, den geplanten Übergang über die Galkilücke auszukundschaften. Dieser führt vom Zwischbergen- ins Laggintal, wo ich am Abend im Lagginbiwak übernachten will. Gestern schon hatte ich vom Lagginhorn aus hinüber geschaut, aber gleich wie heute enthüllt die schattige Draufsicht nur wenig Details. Insbesondere die Steilheit lässt sich überhaupt nicht abschätzen, und so werde ich vor Ort schauen müssen.
Im Abstieg treffe ich den optimalen Routenverlauf etwas besser und folge praktisch ausnahmslos der Gratkante. Ziemlich genau zur Mittagszeit bin ich wieder am Zwischbergenpass und stärke mich für den Abstieg. Besonders schnell war ich nicht unterwegs, und ich hoffe, dass sich das im weiteren Verlauf bessere. Denn der Weg ist weit, und es ist unsicher, ob der Übergang ins Laggintal machbar ist. Also schnell alles eingepackt und auf dem Zwischbergen-Highway eingespurt. Dieser ist perfekt signalisiert mit weiss-blau-weissen Markierungen alle paar Meter. Das ist auch nötig, denn er windet sich durch extrem rauhes Gletschergeröll, das noch nicht lange an Ort und Stelle liegt. Über einem thront die mächtige NE-Flanke des Porjenhorns, und gibt dem Namen Zwischbergen eine ganz eigene Bedeutung. In der Fortsetzung trägt die Talflanke die eigentümliche Bezeichnung Purggarätscha, was nicht auf das Fegefeuer hinweist, sondern von von it. “porca recchia” (Schweinepferch) stammt. Das trifft die saumässige Qualität des Untergrunds perfekt.
Der Weg ist im Moränengelände auffällig weit oben in der Flanke angelegt, und man verliert ihn leicht, wenn man ins Flachere absteigen will. Auf ca. 2900m zieht er nach links oben weg und wechselt in die Geländekammer hinter der ausgeprägten Seitenmoräne. Ab dort bewegt man sich in lieblichem Gelände, das durch alpines Weidegelände und uralte Gletscherschliffplatten geprägt ist. Die Nachmittagssonne lässt das ganzen Tal in goldenen Herbstfarben erstrahlen und erinnert mich dabei, dass die Zeit unaufhaltsam fortschreitet. Im Geröll war kein flottes Tempo möglich, und auch jetzt bewege ich mich nicht überaus schnell. Ausserdem habe ich mir auf den gestrigen 25km im harten Schuh eine zusätzliche Blase geholt.
Unter dem Zibelenfluehorn liegt die vermutlich namensgebende Zibelenflue, deren Name darauf hindeutet, dass auf dem etwas tiefer liegenden Zibelenboden wohl (Schnitt-)Lauch wächst, dessen Verzehr für Rinder giftig ist. Im übertragenen Sinn trifft das auch für den ostseitigen Abstieg unter besagter Fluh zu, der mit Kabeln und einigen Tritten versehen ist. Bei guten Verhältnissen benütze ich solche meistens nicht, aber hier mache ich eine Ausnahme, denn der Weg verläuft wirklich sehr steil über plattigen Fels. Wohlbehalten erreiche ich die Wegkehre, von der ich zur Galkilücke hinauf steigen will. Der Anblick der steilen und schattigen Lücke lässt in mir Zweifel aufkommen. Ein rässer Aufstieg kombiniert mit einem steilen, schuttigen Abstieg über lebendiges Geröll resultiert in einer sehr unsicheren Erfolgschance. Mit meinem gegenwärtigen Tempo muss ich damit rechnen, dass ich den Umkehrpunkt erst spät erkennen würde, und dass ich dann in die Dunkelheit geraten würde. Das kann ich in meinem Zustand nicht ohne weiteres verantworten. Leicht enttäuscht gestehe ich mir ein, dass nichts wird aus der geplanten Nacht im Biwak, und dass ich Kocher und Lebensmittel vergeblich mitgeschleppt habe.
Immerhin bin ich froh, dass ich den Aufstieg zur Lücke weglassen kann, und so strebe ich bald wieder frohgemut dem Talgrund zu. Dieser liegt 500 Hm tiefer und in der Hälfte warten 200m ausgesetzte Traverse über einer steilen Wand. Definitiv nicht mehr Kinderprogramm, aber sehr spektakulär! Unten werde ich von zotteligen Herdenschutzhunden verbellt, die glücklicherweise eingezäunt sind. Der weitere Abstieg zum Schönboden ist lieblich und grün, und auch bis zum Cheller bietet die breite Schwemmebene etwas fürs Auge. Ab dem Fasee (d.h. dem See namens Fa) hat es sich mit Lieblichkeit, denn ich spule 5km über die Kiesstrasse ab, was nicht viel fürs Gemüt tut. Stets hoffe ich, dass aus irgendwelchen glücklichen Gründen ein Auto zu Tal fahren würde, aber die Jäger haben sich oben eingerichtet und bleiben dort. Die letzten 1.5 Kilometer mache ich zusätzlich, sozusagen zum auslaufen: Anstatt direkt nach Bord hochzusteigen, rolle ich bis zur Strassenkreuzung und keuch von dort wieder zurück.
Mit diesem Extraeffort habe ich die Nacht in der Suite wohl verdient. Im Hotel Bord werde ich sehr freundlich empfangen und verbringe eine erholsame Nacht. Am nächsten Morgen früh darf ich mit dem Wirt und seinem Sohn hinunter nach Gondo fahren. Dort besteigt der Bub das Postauto nach Simplon Dorf und weiter nach Brig, wo er in Termen zur Schule geht. Dort kommt er für den Unterrichtsbeginn zu früh an, sodass sein Schulweg brutto zwei Stunden dauert. Am Abend das Ganze wieder retour, montags bis freitags. — Unterwegssein ist besonders dann schön, wenn man die Wahl hat.





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